Marokko – Rif-Gebirge

Mit dem Rad durch den Norden Marokkos

Marokko, mit dem Rad durch das Rif-Gebirge

Oktober 2023

Am Ende unserer 2500 Kilometer langen Tour durch Ost- und Süd-Spanien (hier zum Reisebericht) haben wir noch 10 Tage Zeit und wollen in einer Rundtour den äußersten Norden von Marokko erkunden. Neben spannenden Städten wie Tanger, Chefchaouen und Tetouan steht das von Berber-Stämmen bewohnte Rif-Gebirge mit dem Talassemtane National Park im Mittelpunkt. Auf Grund der Jahreszeit wird es auch hier in Marokko, wie in Spanien, eine Radtour durch ein braunes und trockenes Land. Dafür ist die Kultur, Architektur und die Lebensweise der Menschen aber umso unterschiedlicher. “Afrika”, der Islam, dicht-bevölkerte Medinas und das weltweit größte Anbaugebiet für Haschisch tragen dazu bei.

Salam Aleikum – Willkommen in Afrika

370 km
6200 hm
10 Tage
0 Platten!

Tanger

Vom spanischen Algeciras erreichen wir Tanger-Med in Marokko ganz bequem mit einer Fähre. Länger als die 90 Minuten über die Straße von Gibraltar dauert hier aber das Warten auf die Einfahrt in den riesigen neuen Hafen und die Einreise-“Formalitäten”. Reiseradler kommen hier wohl nicht so häufig vor! Die Autos dürfen einfach rausfahren, während wir nach einer Busfahrt zum Terminal vom völlig überforderten Hafenpersonal nach einiger Verwirrung durch den Metalldetektor und Röntgenscanner (d.h. alles abpacken und wieder aufpacken!) geschickt werden. Dann kann es los gehen.

In einem ständigen Auf- und Ab legen wir gut 50 km auf der Küstenstraße nach Tanger zurück. Der Wind schiebt uns zurück, die hereinbrechende Dunkelheit treibt uns an, aber am Ende kommen wir gut am Campingplatz in Tanger an. Dort gibt es dann das vorerst letzte, von uns importierte Bier nach einem Radtag, denn nun wir sind in einem durch und durch islamischen Land.

Seit etwa 10 Jahren putzt sich die Stadt heraus. Die Altstadt (Medina) wirkt sauber und hergerichtet. Trotzdem hat sie ihren arabischen Charme nicht verloren. Unter einem blauen Himmel lassen wir uns durch die Gassen treiben, genießen in der Nähe des Hauptplatzes Petit Socco einen guten Kaffee und besuchen das “American Legation Museum“. Die ehemalige diplomatische Vertretung der USA war in diesem schön erhaltenen Gebäude, das noch heute Geschichte ausstrahlt, untergebracht. Am Rand der Medina kommen wir dann durch den Markt. Hier geht es eng zu und wir sind ausschließlich von Marokkanern umgeben. Er gibt fast alles: Gemüse und Obst, Hühner, Oliven, Leckereien, Gewürze, Tajine Töpfe und vieles mehr.

Am nächsten Morgen verlassen wir Tanger über die 4-spurige RN2. Es dauert fast 10 km bis wir über kleine Nebenstraßen in sehr dünn besiedeltes Gebiet kommen. Bis Dar Chaoui steigt die Straße nur mäßig an und wir kommen an einem leeren Stausee vorbei. Im Ort gibt es einen quirligen Straßenmarkt, auf dem wir für die Mittagspause eine Melone kaufen. Diese verspeisen wir bald danach am Straßenrand und werden dabei gegrüßt von berittenen Eseln und Pferden. Ansonsten fahren hier nur überbesetzte Kleinbusse, die hier das Haupttransportmittel darstellen, durch.

Beim Aufstieg ins Rif-Gebirge wird es deutlich grüner. Der Straßenrand ist gesäumt von gelben Blumen und langen Dornen! Wir sehen Korkeichen und deren gestapelte “Ernte”, kommen an Moscheen und an einer wohl bekannten Wasserstelle vorbei. Auf ca. 800 m Höhe trinken wir im fast unaussprechlichen Dorf Bghaghza einen Kaffee. Zwischen den Berber-Männern ist die Bedienung richtig nervös, um bei so seltenen Gästen nichts falsch zu machen. Oft kommen hier wohl keine Radler durch.
Die Frauen mit ihren typischen bunten Strohhüten laufen meist scheu am Straßenrand entlang oder hinter ihrem wenigen Weidevieh her. Die Straße führt mit einem kleinen Übergang über den Kamm und schon geht es in vielen Kurven auf gutem Teer wieder bergab. Im Flusstal finden wir dann, weit weg von Menschen und Hunden, einen ruhigen Biwakplatz.

Nach einem weiteren kleinen Anstieg kommen wir auf die “große” RN2. Dieser folgen wir bis unterhalb von Chefchaouen. Sie wird gerade auf Teilstücken 4-spurig ausgebaut. Langgezogen geht es von Baustellen unterbrochen auf 650 m hinauf, durch den Ort Souk Larbaa Beni Hassan und wieder auf 270 m hinunter. Wir sind froh als wir abbiegen und die vielen stinkenden Diesel-LKWs verlassen. Dafür geht es in glühender Nachmittagssonne fast 500 Höhenmeter hinauf, denn der Campingplatz liegt sogar noch oberhalb von Chefchaouen. Es ist ein recht einfacher Platz, auf dem wir uns zwischen “Wüstenfahrern” und Wohnmobilen für unser kleines Zelt einen Platz suchen. Überall ist es staubig und wenig schattig. Und vor allem nachts sehr laut! Gockelhähne und Hühner auf dem Platz und unzählige Hunde um den Platz herum machen die Nacht nicht gerade erholsam.

Chefchaouen und Talassemtane National Park

Mit gut 45000 Einwohnern ist Chefchaouen die größte Stadt im Rif-Gebirge. Sie wird ganz überwiegend von Berbern bewohnt und viele davon sind Nachfahren der im 15. und 16. Jahrhundert aus Al-Andalus (heute Andalusien) zurückgekehrten Mauren. Heute ist sie eines der Zentren, des verbotenen, aber irgendwie doch geduldeten Haschisch Anbaus und wegen seiner am Hang liegenden Medina ein Touristenmagnet. Die blaue Farbe, mit der viele Häusern getüncht sind, soll übrigens vor dem “Bösen Blick” schützen. Heute zieht er Blicke an und lässt die Stadt davon leben.

Die verschiedenen Blautöne (von türkis bis leicht lila) üben irgendwie eine Faszination aus. Alles schaut ähnlich aus, aber doch wieder anders. Wir durchsteigen die Gassen bei Sonnenschein und bei bedecktem Himmel. Beides hat seinen unterschiedlichen Reiz. Aber lasst euch nicht täuschen, die Medina ist nicht leer. Man muss nur lange genug warten, um eine Gasse oder einen kleinen Platz für sich zu haben.

Bevor wir zur Mittelmeerküste hinausfahren, wollen wir noch dem Talassemtane National Park einen Besuch abstatten. Über eine kleine Bergstraße erreichen das Tal von Akchour. Da es den in unserer Karte verzeichneten Campingplatz nicht gibt, bleiben wir als einzige Gäste in der Gîte d’étape am Ortseingang. Von hier können wir leicht die kleinen Wanderungen unternehmen. Die eine führt uns zum unteren “Wasserfall“, der sich aber eher als künstlich angelegte kleine Staustufe entpuppt, die andere führt uns am frühen Morgen zur “Gottesbrücke“, einer hohen natürlichen Felsbrücke, die über den kleinen Fluss führt. Begleitet von 4 herumstreunenden Hunden sind wir in der frühen Morgensonne ganz alleine unterwegs. Ansonsten ist es ein Gebiet, das tagsüber von vielen Marokkanern als Sommerfrische aufgesucht wird. Sie sitzen dann auf Plastikstühlen am oder im Wasser und trinken Tee und Saft.

Die Fahrt hinaus nach Qued Laou führt anfangs durch ein schönes felsiges und fast trockenes Flusstal mit wenig Verkehr. Dort beginnt dann eine Küstenstraße, die mit vielen Kurven und Anstiegen jedes der kleinen Seitentäler mitnimmt und uns bis Tetouan begleitet.

Tetouan

Fast zum Abschluss unserer Reise gönnen wir uns hier eine historische Unterkunft. Nachdem wir diese dann nach einer kleinen Irrfahrt durch die Medina, bei der wir mit unseren bepackten Reiserädern auf einmal zwischen Fischköpfen und Hühnerbeinen buchstäblich in der “Soße” stehen, endlich gefunden haben, können wir den Innenhof mit seinen alten Kachelmosaik bestaunen. Der Verwalter ist sehr hilfsbereit und erzählt uns am kommenden Morgen bei einem starken Kaffee ein bisschen zur Geschichte dieses alten Stadthauses.

Die Altstadt von Tetouan (UNESCO Weltkulturerbe) ist deutlich “ursprünglicher” als die, die wir bisher gesehen haben, und wir scheinen die nahezu einzigen Touristen zu sein. Katzen gibt es dafür unendlich viele. Mehrfach sehen wir Kartons mit Katzenbabys. Wir durchqueren die Medina und besuchen etwas außerhalb die “Handwerkerschule”. Hier werden noch verschiedene traditionelle Handwerker unterrichtet. Leider haben die Lehrlinge gerade Ferien, wir bekommen aber auf einer Führung einen kleinen Eindruck von der Kunstfertigkeit, die hier weitergegeben wird. In der zentralen Halle sind die besten Abschlussarbeiten und andere Meisterwerke ausgestellt. Wirklich sehr beeindruckend.

Anschließend lassen wir uns wieder weiter durch die teilweise überdachten Gassen treiben. Hier gibt es fast alles, Essbares und nicht Essbares. Und dann stehen wir vor dem Königspalast, der zeitweise auch vom König bewohnt wird. Vielleicht auch deshalb ist der gesamte Platz vor dem Eingang von Uniformierten abgesperrt, so dass man nicht näher heran kommt. Etwas außerhalb der Medina machen wir am Feddan Place eine Pause im Schatten. Von hier aus hat man einen guten Blick auf den westlichen Teil der Medina, der sich den Hügel zur Festungsruine hinaufzieht. Diese kann man nicht besichtigen. Bauzäune verschließen die halbverfallene Anlage. Der Aufstieg lohnt sich aber trotzdem. Man hat einen schönen Ausblick über die Stadt, den riesigen Friedhof und hinaus auf die vorgelagerte Küstenebene.

Auf dem letzten Abschnitt unserer Rundtour können wir noch ein größeres Stück der verkehrsreichen Küstenstraße umfahren. Wir radeln auf kleinen Nebenstraßen und Schotterpisten zu einem Stausee (Barrage Smir) am Fuß der felsigen Bergkette bei Belwazen und weiter bis kurz vor Fnideq. Der lange Sandstrand, an dem es dann entlang geht, wird gesäumt von heruntergewirtschafteten großen Ferienanlagen, die wohl hauptsächlich von Marokkanern und scheinbar nur im Sommer besucht werden. Jetzt ist der Strand leer.
In Fnideq (Grenzort zur spanischen Enklave Ceuta) nehmen wir uns ein Zimmer. Den verzeichneten Campingplatz gibt es nicht und Wildzelten erscheint uns nicht geeignet. Das mit Ceuta verlockend nahe “Europa” zieht immer wieder Migranten an, die dann in den Wäldern auf ihre Chance warten.

Für die Rückfahrt zur Fähre in Tanger-Med heißt es dann noch einmal bis auf 400 m hinauf zu strampeln. Zu Beginn der Auffahrt hat man einen Ausblick auf die Halbinsel Ceuta, die durch massive Grenzanlagen abgesperrt ist. Zum Glück herrscht nur wenig Verkehr den Pass hinauf. Auf den letzten Kilometern unserer 2-monatigen Radreise durch Spanien und Marokko werden wir tatsächlich noch nass, aber so waren die Regenjacken wenigstens nicht umsonst dabei. Die bevorstehende Rückreise besteht aus faulenzen! 55 Stunden Fährfahrt von Tanger-Med nach Genua. Bewegung hatten wir in den letzten Wochen ja genug.

Fazit und Erfahrungen

  • Wir haben uns in den Städten und auf unserer Radrunde nie unsicher gefühlt.
  • Stehen mehr als 3 Kinder (Jungen) am Straßenrand, dann können auch mal kleine Steine fliegen!
  • Ansonsten sind die Menschen alle sehr freundlich und von Radlern begeistert. Hupen und Daumenhoch sind die Standard Begrüßung.
  • Der Gestank nach Abfall und Dieselabgasen waren anstrengend für unsere Nasen.
  • Im Vergleich zu Spanien ist Marokko ein sehr günstiges Reiseland.

Ma’a salama – We will be back!

Ausrüstung

Wir werden nicht von Sponsoren unterstützt! Die Markennamen werden nur genannt, um euch entsprechende Infos weiterzugeben und sind somit keine Werbung oder Empfehlung.

Räder

  • 29er Custom Titan-Rahmenset (Titancycles)
  • DT Swiss 466d 32 Loch Felgen
  • Reifen: Vittoria Mezcal III G2.0
  • Shimano XT 2×11 Antrieb (vorne 24/34, hinten 11-42)
  • Avid BB7 160mm Scheibenbremsen
  • Tubus Vega Gepäckträger hinten
  • Gepäckträger vorne (Tubus Stangen und Front Rack von Studio Brisant)
  • Shutter Precision PL-8 Nabendynamo
  • Cycle2Charge Ladeadapter
  • Ortlieb Classic Gepäcktaschen hinten
  • Ortlieb Ultimate Lenkertasche
  • Ortlieb Toptube Rahmentasche Framepack
  • Eigenbau Packsäcke für Zelt und Stühle

Wohnen

  • Zelt: MSR Mutha Hubba
  • Matten: Nordisk Vanna 2.5
  • Schlafsack: Frilufts (Daune)
  • Sitzen: Helinox Chair Zero

Kochen

  • Optimus Nova Benzinkocher
  • MSR Quick 2 System Topfset

Unsere Route durch MAROKKO

BLAU = Route durch das Rif-Gebirge
ZELT = Biwakstellen (Hinweis: Die Biwakstellen markieren nur die “ungefähren” Bereiche, in denen wir einen geeigneten “Platz” gefunden haben)
Punkte = Übernachtungen in Zimmer/Apartment/Hütte


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