8300 km durch Skandinavien und Osteuropa

Nordkap
Juni – September 2025
Wir sind voller Vorfreude.
Unsere längste Radtour steht diesen Sommer auf dem Plan. Knapp vier Monate wollen wir uns insgesamt Zeit nehmen. Durch Norddeutschland, Dänemark und Norwegen werden wir zum Nordkap radeln und hoffentlich die Mitternachtssonne erleben. Dort soll aber noch nicht Schluss sein: Das Nordkap markiert erst die Halbzeit. Mit der Sonne im Gesicht wird es zurück in den Süden gehen. Bis zum Nordkap haben wir eine Route vorgeplant, die Rückreise werden wir abschnittsweise auf unserer Tour entscheiden.
Am Ende führte unsere Strecke durch den einsamen Osten Finnlands, die baltischen Länder Estland–Lettland–Litauen, Polen, Tschechien und die Slowakei bis nach Bratislava. Die Strecken durch Deutschland und Österreich legen wir bequem mit dem Flixbus zurück.
Zum Nordkap mit dem Fahrrad. Ein Sehnsuchtsziel für viele Reiseradler. Auch für uns.
Wir haben aber noch einen weiteren Grund für diese Reise. Unser Sohn Sebastian studiert seit einem Jahr in Nordnorwegen, in Tromsø. Wir wollen ihn dort auf jeden Fall besuchen. Kurz vor unserer Abreise steht dann plötzlich fest, dass Sebastian in den Semesterferien plant, mit seinem Gravelbike von München nach Tromsø und weiter zum Nordkap zu radeln. Wir sind begeistert. Er startet aber bereits eine Woche vor uns und will auf einer anderen Route Norwegen erreichen. So planen wir ein Treffen mit ihm in Südnorwegen und wollen die knackigen Bergetappen gemeinsam erleben. Mal sehen, ob das alles klappt.
Immer nach Norden – Umdrehen – Immer nach Süden
Deutschland und Dänemark
Die Fahrt über Nacht mit dem Flixbus von München nach Lübeck war erstaunlich ruhig. So starten wir unsere Radreise relativ erholt und bei sonnigem Wetter in der Altstadt von Lübeck. Nach dem obligatorischen „Startfoto“ am Holstentor radeln wir über kleine, einsame Nebenstraßen durch den Naturpark Holsteinische Schweiz. Ein Straßenschild mit dem Schriftzug „Weitewelt“ zeigt uns die Richtung für die kommenden Wochen. Ja, genau da wollen wir hin: in die weite Welt!
Entlang des Großen Plöner Sees geht es nach Plön und über Lütjenburg an die Ostsee. Dort treffen wir auf die Radroute EuroVelo 10 (EV10), der wir komplett autofrei und direkt entlang der Küste bis nach Kiel folgen. Kurz dahinter überqueren wir den Nord-Ostsee-Kanal mit einer Fähre und radeln weiter durch die Naturparks Hüttener Berge und Schlei bis nach Schleswig. Bei herrlichstem Sommerwetter ist es nun nicht mehr weit nach Flensburg, wo wir am alten Hafen die letzte Mittagspause in Deutschland genießen.
Am Ende von Schleswig-Holstein sind die ersten 250 km der Tour geschafft. Durch die Trekkingplätze, die hier von der Initiative Wildes Schleswig-Holstein eingerichtet wurden, ist Zelten in der Natur legal möglich und wunderschön. Wie immer nach solchen Erfahrungen wünschen wir uns naturnahe und unbürokratisch nutzbare Übernachtungsplätze flächendeckend in ganz Deutschland.
Ohne es zu merken, fahren wir auf einem kleinen Weg über die deutsch-dänische Grenze. Doch als wir im nächsten Ort die perfekt ausgeschilderten Radwege sehen, wissen wir, dass wir in Dänemark sind. Die hervorragende Radinfrastruktur durften wir bei unserer Radreise durch Dänemark im September 2024 bereits erleben. Die letztjährige Tour führte entlang der Küste rundum Dänemark herum, deshalb haben wir nun eine Strecke durch das Landesinnere gewählt. Wir radeln fast ausschließlich durch landwirtschaftlich genutzte Kulturlandschaft, aber auch das hat seinen Reiz und bei meist schönem Wetter bewundern wir die vielen verschiedenen Grüntöne, die im Frühsommer ganz besonders leuchten. Abwechslung bringen die intensiven Farben der blauen Lupinenfelder oder mit Mohn- und Kornblumen durchsetzte Getreidefelder.
Unsere Strecke durch Jütland folgt dem EuroVelo 3 (EV3), auch Pilger-Route genannt, und in Dänemark mit dem Hærvejen (deutsch Ochsenweg) überlagert. Die Route verbindet historische Stätten und so erreichen wir die alte Königsstadt Jelling. Die Denkmäler, wie die Grabhügel, Runensteine und die Schiffssetzung sind die bedeutendsten Zeugnisse aus der Wikingerzeit in Europa und sind seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe. Auf dem Kleinen Runenstein (von ca. 950) wird der Name „Dänemark“ erstmals schriftlich erwähnt. Auf dem Großen Runenstein (von ca. 960-985) beschreibt das Relief einer Christusfigur die Christianisierung Dänemarks durch den Wikingerkönig Harald Blauzahn. Diese Christusfigur ist sogar auf der Innenseite des dänischen Passes abgebildet.
Mit dem Rad durch Dänemark zu reisen ist sehr entspannt, und das ist nicht nur der guten Infrastruktur mit Radwegen und Einkaufsmöglichkeiten geschuldet, sondern vor allem dem fantastischen Shelter-System. Dieses ermöglicht Wanderern und Radfahrern die Übernachtung in der Natur und da es wirklich viele Shelterplätze gibt, findet man an jedem Abend ein schönes „Zuhause“.
Nach ein paar Regenschauern bessert sich das Wetter wieder, allerdings pfeift der Wind immer noch ordentlich, zum Glück meist schräg von hinten. Wir erreichen Viborg, ein kleines Städtchen mit netten, kleinen mittelalterlichen Häuschen und einem Dom. Hier verlassen wir den EV3 und folgen super ausgebauten Bahntrassenradwegen, erst dem Himmerlandsstien und ab Aars dem Hvalpsindstien. Entlang der Strecke gibt es zwar nicht viel zu sehen, aber wir kommen schnell voran und sind schon bald am Limfjord, an dessen Ufer wir nach Aalborg radeln.
Aalborg ist die viertgrößte Stadt Dänemarks und liegt in Nordjütland. Der Mix aus alten Häusern und toller moderner Architektur gefällt uns sehr gut. Wir rollen gemächlich an der neu gestalteten Hafenpromenade entlang und bestaunen moderne Plätze und Bauwerke. Wir kommen zum Utzon Center, einem Zentrum für Architekturstudenten. Der dänische Architekt Jørn Utzon ist in Aalborg aufgewachsen und sein bekanntestes Werk ist das weltberühmte Opernhaus in Sydney. Ja, von Architekturdesign verstehen die Dänen etwas. Etwas weniger beeindruckt sind wir aber vom Gräberfeld Lindholm Høje, obwohl es mit seinen 680 Gräbern aus der Wikingerzeit das größte Gräberfeld Dänemarks ist.
Wir verlassen Aalborg und radeln die letzten 80 km in Dänemark bei Sonne und auf schönen Abschnitten mit einsamen Wegen, vorbei an Wiesen mit rosa und lila Lupinen. Diese Blütenpracht wird uns durch weite Teile Norwegens begleiten.
Nach insgesamt ca. 700 km kommen wir im Norden Dänemarks, in Hirthals an. Wir kaufen nochmal in einem Supermarkt kräftig ein und stocken unsere Vorräte auf. Die Preise in Dänemark sind zwar nicht günstig, aber auf jeden Fall günstiger als in unserem nächsten Land, in Norwegen. Schwer beladen rollen wir zum Fährhafen, wo schon eine ganze Armada von Wohnmobilen und Motorrädern wartet. Wir treffen genau EINE weitere Radlerin und freunden uns gleich an. Wir diskutieren unsere Reisepläne und hoffen gemeinsam, dass der touristische Verkehr in Norwegen nicht zu schlimm für uns als Radreisende werden wird. Um die Mittagszeit fährt die Fähre los und wir nutzen die Überfahrt hauptsächlich dafür, unsere elektronischen Geräte wieder mit Strom zu versorgen.
Südnorwegen
Kristiansand – Haugastøl
Haugastøl – Lom
Lom – Ålesund
Ålesund – Trondheim
Kristiansand – Haugastøl
Nach gut drei Stunden ist die gemütliche Fährfahrt vorbei und wir radeln ins überschaubare Zentrum von Kristiansand. Die südlichste Stadt Norwegens ist herausgeputzt mit viel Blumenschmuck. Uns zieht es aber hinaus in die Natur. Wir müssen etwas suchen, bis wir die Schilder für die Nationale Radroute 3 finden. Die Route führt nach Norden aus der Stadt, hinein ins Setesdal und immer flussaufwärts entlang der Otra. Anfangs fahren wir noch entlang einer großen, vielbefahrenen Straße. Bei Mosby überqueren wir auf einer Hängebrücke die Otra und ab Vennesla wird die Strecke herrlich einsam. So finden wir auch ein schönes Zeltplätzchen an der aufgestauten Otra.
Das Jedermannsrecht (Allemannsretten) in Norwegen erlaubt das Zelten in der freien Natur, aber natürlich nur unter Einhaltung aller Regeln, die ihr hier nachlesen könnt. Selbstverständlich sollte auch sein, dass der Übernachtungsplatz beim Verlassen so aussieht, als wäre man gar nicht da gewesen (Leave NO trace!). Für uns bedeutet das: kein Feuer, die Notdurft vergraben und allen Müll mitnehmen (auch Klopapier, Bananenschale und sogar Müll, der von anderen da gelassen wurde).
Am späten Abend ist es plötzlich windstill und schon sind sie da, die lästigen, winzigen Beißviecher. Gegen die Kriebelmücke oder norwegisch Knott hilft nur ein Netz über dem Kopf oder die Flucht ins Zelt. Zum Glück hatten wir nur manchmal abends oder morgens damit zu kämpfen.
Die weitere Strecke ist wirklich herrlich, sie verläuft in großen Teilen auf der Seite der Otra, auf der nicht die Hauptstraße ist. Ein Stück davon führt über eine ehemalige Bahntrasse, gute Schotterwege gesäumt von blühenden Lupinen. Das Wetter könnte nicht besser sein und wir sehen sogar eine seltene Schlingnatter, die sich auf dem Schotterweg aufwärmt.
Das Setesdal wird zunehmend enger und steile dunkle Felsen begrenzen beide Talseiten. Immer wieder sehen wir typisch norwegisch gestaltete Bushäuschen und Holzkirchen. Wir fahren stetig leicht bergauf, bis wir Hovden am Hartevatn auf knapp 800 m erreichen. Inzwischen hat es zugezogen, es tröpfelt und ist schlagartig kalt geworden. Schon von Weitem sind die Waldschneisen der Skipisten zu erkennen. Hovden ist ein typischer Wintersportort im Sommer, ausgestorben und wenig einladend. Die umgebende Landschaft ist mit unzähligen privaten Ferienhütten zugebaut. Die Schlafplatzsuche ist deshalb nicht einfach, da alle Stichstraßen an einer Hütte enden und die Fjell-Landschaft auf inzwischen 900 m hauptsächlich aus buckeligen Sumpfwiesen besteht.
Wir haben dann doch noch ein Plätzchen gefunden, aber die Nacht war kalt. Kein Wunder, denn über Nacht hat es aufgeklart und wir fahren bei traumhaftem Wetter weiter. Volltreffer, denn es stehen zwei Bergpässe auf dem Plan. Zuerst sausen wir nach Haukeli auf 570 m hinunter, wo wir auf eine größere Straße abbiegen. Leider auch mit relativ viel Verkehr, es ist Wochenende. Die Straße zieht nun über mehrere Stufen bergauf zum Haukelifjell, vorbei an vielen Seen und mit herrlichen Ausblicken auf die noch immer mit Schnee bedeckten Berggipfel. Alle Straßentunnel auf dieser Strecke sind für Radfahrer verboten. (Hier findet man eine sehr hilfreiche Übersicht über alle Tunnels in Norwegen und die geltenden Befahrungsregeln für Radfahrer.) Das bedeutet für uns zwar extra Höhenmeter auf der alten Passstraße, aber fast ohne Autos ist das purer Genuss. Wir erreichen die Passhöhe auf 1150 m und rollen hinunter nach Røldal auf 400 m, wo es hochsommerlich warm und sehr viel los ist.
Anmerkung: Auf dieser landschaftlich wunderbaren Strecke über das Haukelifjell sammeln wir auf nur 20 km 23 Plastikflaschen und Dosen, die achtlos in den Straßengraben geworfen wurden. Hier widmen wir diesem Thema einen extra Absatz.
Wir ziehen weiter und schwitzen ordentlich beim Anstieg auf das Røldalsfjellet. Die alte Straße umfährt das Røldaltunnel und ist landschaftlich grandios. Zur Kaffeepause ist der höchste Punkt auf 1070 m erreicht. Danach genießen wir die herrliche Abfahrt und haben Blick auf den Folgefonna Gletscher. Nach insgesamt 1600 Höhenmetern hatten wir genug Bewegung für heute.
Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter für unsere Fjellquerungen. Den imposanten Wasserfall Låtefossen erleben wir leider nur bei grauer und wolkenverhangener Stimmung. In Odda erreichen wir unseren ersten Fjord, den Sørfjorden. Hier auf Meereshöhe angekommen ist es wenigstens nicht kalt, auch wenn es immer mal wieder regnet. Die oft enge Straße führt durch Obstplantagen, die sich die steilen Berghänge hinaufziehen. Allerdings ist der Wohnmobilverkehr hier wirklich zu viel. Die breiten Karossen kommen so schon kaum aneinander vorbei und dann versuchen sie auch noch uns zu überholen. Wir sind froh über jede Tunnelumfahrung, die hier autofrei sind. Wir radeln den ganzen Sørfjorden bis zum Hardangerfjorden und biegen dann nach Eidfjord am Eidfjorden ab. Dort gehen wir auf den Campingplatz und beruhigen unsere Nerven mit Schokobutterbroten mit frischen Walderdbeeren-Topping.
Es ist immer noch grau und wir sitzen die letzten Regenschauer aus. Zum Frühstück gibt es heute abschreckendes Kino. Im Hafen der 900 Seelen Gemeinde Eidfjord liegt ein „kleines“ Kreuzfahrtschiff. 400 asiatische Passagiere überfluten den Ort und was Mann/Frau heutzutage alles auf Handyvideos festhalten muss, ist schon wirklich skurril. Die Auswirkungen des „Übertourismus“ durch Kreuzfahrtschiffe werden uns auf der weiteren Reise noch mehrmals begegnen.
Wir kommen erst mittags los. Die Wolken hängen tief und zaubern eine mystische Atmosphäre. Gleich zu Beginn kommt die spannende Umfahrung des Eidfjordtunnels. Hier ist scheinbar Geröll vom Berghang abgegangen, aber das Tunnel ist für uns gesperrt. Wir haben keine Alternative und hoffen, dass da nicht noch mehr herunter bröckelt während wir die Räder über Schotterhaufen schieben.
Die Radroute durch das Måbødalen auf der alten Straße ist imposant und zwängt sich vorbei an steilen Felswänden mit Tiefblicken auf den tosenden Bach Bjoreio. Nach 650 Höhenmetern kommen wir zum Parkplatz, um den bekanntesten Wasserfall Norwegens, den Vøringfossen, zu bestaunen. Der Bjoreio stürzt hier insgesamt 183 m in die Tiefe. Mehrere Aussichtsplattformen und eine spektakuläre Treppenbrücke über den Wasserfall wurden zur Besichtigung gebaut.
Auf der Hauptstraße fahren wir immer weiter bergauf, vorbei an der Staumauer des Sysenvatnet. Es zieht sich, bis wir den höchsten Punkt bei 1250 m erreicht haben. Die Hochfläche der Hardangervidda empfängt uns mit einer dramatischen Wolkenstimmung, verstärkt durch die letzten Sonnenstrahlen. Nur der eisige Wind pfeift kräftig und trotz eines geschützten Biwakplatzes wird es uns auf dieser Höhe empfindlich kalt. Schnell verkriechen wir uns ins Zelt und die warmen Schlafsäcke.
Rückblickend war es die kälteste Nacht der gesamten Reise (2 °C im Zelt). Die wärmenden Sonnenstrahlen beim Frühstück genießen wir daher umso mehr. Wir wandern auf eine kleine Erhebung und haben einen fantastischen Ausblick über die Hochfläche, sogar bis zum weiter nördlich gelegenen Gletscher Hardangerjøkulen.
Haugastøl – Lom
Das kurze Stück nach Haugastøl rollen wir gemütlich hinunter und suchen uns einen Warteplatz direkt an der Straße. Wir freuen uns riesig als wir das rote Radtrikot erspähen. Nach 1200 km treffen wir unseren Sohn Sebastian, der bereits 2300 km in den Beinen hat. Überglücklich, dass das Timing so gut geklappt hat, radeln wir gemeinsam weiter. In Haugastøl beginnt der Rallarvegen, eine autofreie Schotterstrecke entlang der Bergensbane (Bahnstrecke Oslo–Bergen). Diese Straße wurde zum Bau und Unterhalt der alten Bahntrasse errichtet und führt über den nördlichen Teil der Hardangervidda über einen gut 1300 m hohen Pass. Heute fahren die Züge den zentralen Teil durch ein langes Tunnel, das hinter der Bahnstation Finse beginnt.
Die Schneesituation auf dem Rallarvegen im Frühsommer wird im Internet regelmäßig publiziert. Wir wussten daher, dass der zentrale, nicht geräumte Teil der Straße wegen zu viel Altschnee ab Finse noch gesperrt ist. Einstimmig beschließen wir, dass wir die Weiterfahrt trotzdem wagen wollen. Schon bald stecken wir in den ersten Schneefeldern und es wird immer mühsamer diese zu queren. Die Füße sind nass und kalt und die Wolken hängen so tief, dass wir leider nicht viel von den Bergen sehen. Für 15 km brauchen wir über drei Stunden. Wir sind sehr froh, als wir endlich den freigeräumten Teil am Tunnelausgang erreichen. Schnell ist ein Platz für die Zelte gefunden und wir wärmen uns mit heißem Tee und Suppe wieder auf. Ein krasses Erlebnis und definitiv KEINE Empfehlung zur Nachahmung!
Die weitere Strecke begeistert uns. Obwohl die Wolken immer noch tief hängen, beeindruckt die Streckenführung direkt entlang am tosenden Fluss Moldåni hinunter zu einer Hochfläche auf 800 m mit zwei Seen. Dort treffen wir auf die Bahngleise der Flåmsbana und passieren den Bahnhof Vatnahalsen. Ab hier „stürzt“ die Schotterstraße in engen Serpentinen 300 Höhenmeter ins Flåmsdalen hinunter. 2018 wurde hier die längste Zippline Skandinaviens eröffnet. Wir verstehen nicht, warum man in dieser grandiosen Natur zusätzlich diese Form der Animation braucht.
Nach unserer einsamen Bergetappe sind wir in Flåm restlos überfordert. Übertourismus pur. In Flåm, ein Dorf mit weniger als 300 Einwohner liegt ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das 5000-6000 Passagiere auf einen Schlag ausspuckt. Jetzt wird uns auch klar, warum an der Zippline und im Flåmsdalen auf einmal so viel los war. In Flåm wuselt es nur so von Touristen. Wir ergreifen die Flucht und wollen schnell wieder in die Berge hinauf.
Die ersten 650 Höhenmeter des nächsten Anstiegs beginnen im Ort Aurlandsvangen und führen über eine sehr enge Bergstraße mit mehreren Serpentinen. Inzwischen scheint die Sonne und die Aussicht auf den Aurlandsfjorden, einem Seitenarm des Sognefjorden, ist wunderschön, aber leider können wir es gar nicht genießen. Auf der Straße ist rauf und runter Schlangenverkehr, weil jeder vom Kreuzfahrtschiff die Aussicht von der Plattform Stegastein gesehen haben muss. Wir Radfahrer sind scheinbar ein ärgerliches Hindernis auf der Straße! Das war absolut kein Spaß und wir sind froh, dass wir unbeschadet die Strecke überstehen.
Oberhalb des Aussichtspunkts wird es wieder einsam und wir kurbeln hinauf bis zum höchsten Punkt auf 1300 m. Die Querung des Aurlandsfjellet ist ein absoluter Traum. Wir sind fast alleine hier oben, denn der Hauptverkehr geht durch das 24,5 km lange Lærdalstunnel, das längste Straßentunnel der Welt. Für uns gibt es eine rasante Abfahrt zum Lærdalsfjorden, ein weiterer Seitenarm des Sognefjorden. Hier sind wir wieder auf Meereshöhe und genießen die ruhige Abendstimmung in Lærdalsøyri.
Bei bestem Sommerwetter fahren wir durch das schöne Lærdalen, immer leicht bergauf und entlang der Lærdalselvi, einem der besten Lachsflüsse Norwegens. Überall am Fluss sehen wir Holzstege, vermutlich für Angler. Auch hier gibt es immer wieder Tunnelumfahrungen, die landschaftlich reizvoll direkt am Fluss entlang gehen. Das alte Husum Hotel und die Stabkirche von Borgund sind schöne Bauwerke auf der Strecke.
Schon seit Flåm folgen wir der Nationalen Radroute 4. Ab Borlaug geht es auf dem Kongevegen über das Filefjellet hinauf nach Tyinkrysset und weiter zum See Tyin, der auf 1080 m liegt. Trotz inzwischen tiefhängender Wolken haben wir Sicht auf die vergletscherten Berge im Jotunheimen, dem höchsten Gebirge in Norwegen. Überall stehen hier Ferienhütten. Sie sind zwar hübsch gebaut und passen sich gut in die Landschaft ein, aber für uns gefühlt zu viele.
Nach einer kühlen Abfahrt kommen wir nach Øvre Årdal, das am See Årdalsvatnet liegt. Der See liegt auf 3 m Höhe und mündet in den Årdalsfjorden, schon wieder ein Seitenarm des Sognefjorden. Der Ort wird dominiert von den Fabrikanlagen von Hydro Aluminium, einem der weltweit größten Aluminiumwerke.
Auf geht’s zur Königsetappe unserer Strecke durch die norwegischen Berge. Am nördlichen Ende von Øvre Årdal zieht eine kleine Straße in engen Zickzack-Kurven den Berghang hinauf ins Fardalen. Über den Tindevegen erreichen wir den ersten Pass auf 1300 m. Das Wetter ist unbeständig und sobald wir vom Fahrrad absteigen, frieren wir. Nach einem Gegenanstieg fahren wir gut 400 Höhenmeter hinunter und treffen auf den Sognefjellsvegen. Wir kurbeln wieder bergauf bis wir das Sognefjellet und dort mit 1428 m den höchsten Pass in Nordeuropa erreichen. Die Straße führt vorbei an meterhohen Schneewänden, doch die dichten Wolken verwehren uns den Blick auf die umliegenden Gipfel und Gletscher des Jotunheimen Gebirges. Es folgt eine lange Abfahrt bis wir im Leiratal am schönen Shelterplatz Liasanden unser Lager aufschlagen.
Lom – Ålesund
Auf der Strecke nach Lom kommen uns viele RennradfahrerInnen entgegen, Teilnehmer des härtesten Radmarathons in Norwegen, der Jotunheimen Rundt. Wir freuen uns, andere Radler zu sehen, denn bisher haben wir praktisch noch keine anderen Radfahrer getroffen. In Lom schauen wir kurz bei der berühmten Stabkirche vorbei. Wir biegen ab ins Tal Ottadalen und folgen der Otta flussaufwärts. Es geht zwar immer nur leicht bergauf, aber heute bläst der Gegenwind so stark, dass wir nur mühsam vorwärts kommen. Kurz vor Grotli finden wir einen guten Platz, an dem wir den angesagten Dauerregen am nächsten Tag aussitzen können. Gut, dass wir ein großes Zelt dabei haben, so können wir uns alle drei in einem „Haus“ aufhalten.
Nach sechs gemeinsamen Tagen verabschieden wir uns am Abend von Sebastian, denn er will erst am nächsten Morgen weiter nach Geiranger, also eine andere Route als unsere fahren. Der Regen hat endlich aufgehört. Die angesagte Regenpause und die lange Helligkeit lassen uns noch um 21 Uhr in die nächste Bergetappe über das Strynefjell starten. Die Schotterstraße Gamle Strynefjellsvegen ist vom Regen durchgeweicht, so brauchen wir mehr Kraft, bis wir den höchsten Punkt auf 1138 m erreicht haben. Steil führt die enge Straße über 1000 Höhenmeter hinunter nach Hjelle. Wir sind etwas traurig, dass die grandiose Landschaft erst in Wolken und dann in Dämmerung verhüllt war. Ein Grund zurück zu kommen und die Strecke nochmal bei gutem Wetter zu fahren.
Von Hjelle umrunden wir den Oppstrynsvatnet in einem großen Bogen und treffen wieder auf die Nationale Radroute 3. Wir erreichen nach zwei Tunnels die Häuseransammlung Flo. Ab hier geht es 350 Höhenmeter auf lockerem Schotter, super steil und für uns unfahrbar den Berg hinauf. Und das ist Teil der offiziellen Radroute! Wir haben Mühe die bepackten Räder bergauf zu schieben, aber aufgeben ist keine Option. Oben angekommen entschädigt uns die wunderschöne Bergwelt des einsamen Flofjellets für die Tortur. Die weitere Strecke genießen wir, denn obwohl sie teilweise über groben Schotter und Singletrails führt, ist sie fahrbar.
In Hellesylt, das am Sunnylvsfjorden liegt, halten wir uns nicht lange auf und biegen ab in das Norangsdalen, eines der engsten Täler Norwegens. Leider regnet es immer wieder und so wirkt das schöne Tal etwas düster auf uns. Wir erreichen den unglaublich schönen Hjørundfjorden. Hier kommen wir nur noch mit mehreren Autofähren weiter. Und das ist nicht mehr zu toppen, denn der Blick vom Wasser auf die steil aufragenden Berge ist einfach gigantisch und alle Autofähren in Norwegen sind für Radfahrer kostenlos.

Ålesund – Trondheim
Wir sind in Ålesund und haben die Küste des Europäischen Nordmeers erreicht. Vom Stadtberg Aksla hat man einen sehr schönen Blick auf die Stadt. Erschrocken sehen wir, dass schon wieder ein riesiges Kreuzfahrtschiff da ist. Unsere Stadtrundfahrt ist dann aber doch sehr schön. Wir schauen uns einige im Jugendstil erbaute Häuser und den Hafen mit seinen bunten Häuserfronten an. Und das Beste, es scheint wieder die Sonne!
Mit dem Schnellboot düsen wir weiter nach Hamnsund (nicht kostenlos). Unsere Route verläuft nun auf dem EuroVelo 1 (EV1). Die Küste Norwegens ist zerklüftet, manchmal weiß man gar nicht, ob man auf einer Insel oder wieder auf dem Festland ist. Täglich brauchen wir Fähren oder Brücken, um weiter zu kommen. Sehr abwechslungsreich!
Anfang Juli wird es so weit nördlich nachts nicht mehr richtig dunkel, obwohl die Sonne hier noch hinter dem Horizont verschwindet. Deshalb gehen wir immer später ins Bett und werden nur noch mit Schlafmaske müde.
Um den Harøyfjorden müssen wir 30 km radeln, um dann effektiv nur 3 km weiter nördlich zu sein. Das ist ein Nachteil der zerklüfteten Fjordlandschaft. In Bud erreichen wir die berühmte Atlantikstraße (Atlanterhavsveien), deren bekanntester Abschnitt ab Vevang beginnt. Auf gut 8 km schlängelt sich die Straße über acht Brücken und Inseln bis nach Kårvåg. Am spektakulärsten ist die 23 m hohe Storseisund-Brücke. Die Atlantikstraße endet in Kristiansund, das von der Insel Averøy nur durch das Atlanterhavstunnel erreichbar ist. Wir dürfen nicht durch das Tunnel radeln, aber können dieses Stück problemlos mit dem Bus fahren.
In Kristiansund ist der Weg mitten durch die Mellemværftet, eine Segelschiffwerft aus dem 19. Jahrhundert, spannend. Wir drehen nur eine kurze Runde durch die Stadt, denn wir wollen noch die Fähre von Seivika nach Tømmervåg erreichen.
Wir überqueren fünf Inseln, die alle mit Brücken verbunden sind, bis wir auf dem Festland an den Torsetsundet kommen. Die Landschaft ist größtenteils dominiert von kultiviertem Grasland. So ist die Kirche von Stemshaug eine schöne Abwechslung. Sie leuchtet rot in den blauen Himmel. Immer wieder sehen wir geschmückte und mit Blumen dekorierte Bushaltestellen. Die gemütliche Variante ist mit Decken und Kissen ausgestattet. Bis Orkanger haben wir mehrere kürzere Anstiege zu meistern, und erreichen danach bald Trondheim.
In Trondheim radeln wir hinauf zur Festung Kristiansten und genießen den Blick über die Stadt. Von oben sehen wir bereits die Türme des Nidarosdoms. Von der gotischen Kathedrale aus dem 13. Jhd. beeindruckt vor allem die reich verzierte Westfassade. Die alte Holzbrücke Gamle Bybroen geht über den Fluss Nidelva, deren Ufer von bunten Speicherhäusern auf Stelzen gesäumt sind. Unsere Besichtigungstour durch Trondheim ist sehr entspannt, denn am heutigen Sonntag sind alle Läden geschlossen und es liegt KEIN Kreuzfahrtschiff im Hafen.
Norwegen – Mitte
Trondheim – Heilhornet
Heilhornet – Stokkvågen
Lovund
Stokkvågen – Bodø
Trondheim – Heilhornet
Mit dem Schnellboot überqueren wir den Trondheimfjorden nach Vanviken. Inzwischen ist es sehr windig und es ziehen mehrere Regenschauer durch. Das ist aber nicht so schlimm, denn als Plus gibt es einen intensiv gefärbten Regenbogen über dem Fjord. Wir folgen der Küste bis nach Leksvik, wo wir ins Landesinnere abbiegen und nach mehreren kleinen Anstiegen sehr einsam durch eine Wald- und Sumpflandschaft fahren. Danach überspannt die imposante Skarnsund-Brücke in 45 m Höhe eine Engstelle des Trondheimfjorden.
Bis Steinkjer fahren wir wieder durch etwas monotone Weidelandschaft mit immer wieder stattlichen Bauernhöfen. Und zu unserer großen Freude und Überraschung entdecken wir mitten in einer Wiese und am frühen Nachmittag unseren ersten Elch, genauer eine Elchkuh. Leider wird dies der einzige Elch der gesamten Reise bleiben. Kurz danach haben wir sogar noch mehr Glück und finden eine ganze Tüte Pfifferlinge, die wir in einer schönen Shelter zum Abendessen kochen.
Die Natur scheint nun förmlich zu explodieren. Die kurzen Sommer werden durch die langen Sonnentage kompensiert und wir haben das Gefühl, dass alles gleichzeitig blüht. Die Straßenränder sind voller bunter Blumen, leider haben wir scheinbar nur die Lilanen fotografiert. Am meisten begeistern uns die herrlichen Lupinen.
Die Strecke bis Namsos verläuft auf einer vielbefahrenen Straße und leider ohne Radweg. Auch wenn die meisten rücksichtsvoll fahren, ist es doch unangenehm von so vielen LKWs überholt zu werden. Namsos, wie auch vorher schon Steinkjer, ist nicht wirklich schön. Es macht uns aber sehr betroffen, als wir lernen, dass Namsos am 20. April 1940 von der deutschen Luftwaffe bombardiert und komplett vernichtet wurde. Einen Tag später wurde Steinkjer zu 80% durch Bomben zerstört. Die Nachkriegsarchitektur hat leider wenig Charme.
Nördlich von Namsos wird die Strecke immer reizvoller, mit bewaldeten Fjorden, einsamen Buchten und immer spitzeren Felsbergen. Nach der Fähre Lund-Hofles und dem Ort Kolvereid fahren wir auf den markanten Berggipfel des Heilhornet zu, der mit 1058 m einer der höchsten Gipfel entlang der Landschaftsroute Kystriksveien (Fv17) ist.
Heilhornet – Stokkvågen
Es ist schon 18 Uhr abends, als wir den Wanderparkplatz erreichen. Das Wetter ist einfach fantastisch und wir beschließen kurzer Hand, noch die 1000 Höhenmeter Wanderung auf den Heilhornet zu unternehmen. Schnell die Radhose gegen die Wanderhose tauschen und schon sind wir unterwegs. Da wir so spät dran sind, haben wir den Berg für uns alleine. Ein toller Aufstieg und eine grandiose Aussicht in alle Richtungen. Norwegen begeistert uns täglich aufs Neue. Die ganze Tour dauert dann doch etwas länger und wir sind erst nach Mitternacht wieder bei den Rädern. Aber das ist kein Problem, es ist ja noch immer hell!
Ab Holm folgt der Kystriksveien der Landschaftsroute Helgelandskysten. Bis zur Insel Alsta wechseln sich Fährfahrten mit wenig befahrenen Küstenabschnitten ab. Leider versteckt sich die Gebirgskette der „Sieben Schwestern“ (Syv Søstre), das Wahrzeichen der Helgelandskysten, in dicken Wolken und eine Wanderung lohnt nicht. Über die 45 m hohe Helgelands-Brücke fahren wir zurück auf das Festland und kommen schon bald zur Fähre Levang–Nesna.
Hinter Nesna radeln wir bis Stokkvågen in einer großen Kurve 70 km um den wunderschönen Sjona Fjord. Auf der Karte sind wir dabei aber nur 15 km weiter nach Norden gekommen. Das macht nichts, denn das Wetter ist super und sommerlich warm, so dass wir während der Mittagspause sogar im kalten Fjord schwimmen. Abkühlung gibt es auch in den beiden fast 3 km langen Tunnels, die auf dieser Strecke durchfahren werden müssen. Wir hatten zum Glück nur wenig Verkehr.
Lovund
Wir erwischen die 16 Uhr Fähre von Stokkvågen nach Lovund. Die zweistündige Überfahrt ist fantastisch und bei bestem Wetter fahren wir durch eine einzigartige Schärenlandschaft mit Blick auf die umliegenden Berge und sehen heute sogar die Gipfel der Sieben Schwestern. Die Insel Lovund besteht hauptsächlich aus dem steil aus dem Wasser aufragenden Lovundfjellet (623 m).
Nach der Ankunft erkunden wir die Nordseite der Insel und saugen die ruhige Stimmung in uns auf. Auf dem Aussichtspunkt Heiran finden wir kunstvolle kleine Skulpturen und haben Sicht bis zum Svartisengletscher auf dem Festland.

Tausende von Vögeln sausen über unsere Köpfe hinweg. Sie sind der Hauptgrund für unseren Inselausflug. Jedes Jahr am 14. April, dem Lundkommerdagen, kommen tausende Papageientaucher vom offenen Meer zu den Geröllfeldern auf Lovund, um zu brüten. Wir sitzen stundenlang auf einem Felsen und beobachten das aufgeregte Hin und Her der putzigen Vögel. Leider haben wir nur eine kleine Kamera ohne starkes Teleobjektiv dabei. Aber wenigstens mit dem Fernglas können wir sie sehr gut sehen.
Sonnenuntergang ist heute um 0:14 Uhr und um 2:20 Uhr geht sie wieder auf!
Die Besteigung des Lovundfjellet (623 m) beginnt mit einer Umrundung des Bergs auf der Ostseite, wo ein Steig sehr steil und fast senkrecht nach oben führt. Am Gipfel bläst ein starker Wind und wir müssen aufpassen, dass nichts über die Felsabbrüche an der Nordseite wegfliegt. Der Rundumblick über die Inselwelt bis zum Festland ist fantastisch.
Stokkvågen – Bodø
Erst abends nehmen wir die Fähre zurück nach Stokkvågen und finden gleich einen Übernachtungsplatz mit Blick auf die Insel Lovund. Sogar, wenn man nachts mal kurz das Zelt verlassen muss, lohnt es sich eine Kamera mitzunehmen. Denn selbst um 2 Uhr nachts leuchten die Wolken farbig! Auch das Frühstückspanorama ist perfekt, mit Blick auf die Insel Tomma und dem Postkartenmotiv – Hurtigrutenschiff vor Lovund.
Um die kommenden drei Fährfahrten zu koordinieren, starten wir pünktlich. Zu Beginn radeln wir am spiegelglatten Aldersundet entlang. Die Fotomotive sind fast nicht mehr zu toppen. Auf der Route durchfahren wir zwei neue Tunnels. Radfahrer können am Eingang einen Knopf drücken und ein Warnsignal starten. Nachfolgende und auch entgegen kommende Autofahrer wissen dann, dass sich Radfahrer im Tunnel befinden. Eigentlich sehr vorbildlich, der Effekt war aber nicht immer zu spüren.
Trotz zahlreicher Fotostopps erwischen wir noch die Fähre Kilboghamn-Jektvik. Schon lange haben wir auf diesen Moment hin gefiebert, denn nun endlich überqueren wir den nördlichen Polarkreis – 66° 33′ Nord. Auf der Weiterfahrt geht es immer wieder bergauf und bergab. Die Strecke entlang des Tjongsfjorden ist abwechslungsreich mit Sicht auf hohe Berge. Nach der Fähre Ågskardet–Forøy umrunden wir in einer langen Schleife den Bjærangfjorden und erreichen am Abend noch die Fähre Vassdalsvik–Ørnes. Ein sommerlich heißer Radtag endet mit Blick auf den Gletscher des Sætertindan.
Am Rastplatz Ureddplassen steht ein Marmordenkmal, das an die Opfer des U-Boots „Uredd“ erinnert, das im Fugløyfjord 1940 auf eine deutsche Mine gelaufen ist. Hier steht aber auch das wohl bekannteste Design-WC Norwegens. Entlang der Helgelandkysten gibt es mehrere durchgestylte Toilettenhäuschen, die wir nicht fotografiert haben. Wir zeigen euch aber noch zwei Beispiele aus Südnorwegen: am Vøringsfossen und Oscarhaug am Sognefjellet.
Entlang des Fugløyfjorden kommen wir zum schönen Sandstrand von Storvik. Ein netter norwegischer Mann hat uns empfohlen nicht durch das Storvikskartunnel zu fahren (obwohl es für Radfahrer erlaubt ist), sondern die alte Passstraße Skarveien zu nehmen. Die 150 Höhenmeter extra haben sich auf jeden Fall gelohnt und wir hatten einen schönen Blick auf die Bucht Storvika und eine einsame Fahrt zurück zur Küstenstraße Fv17.
Leider ist ab hier die Fv17 viel stärker befahren, vor allem sind viele Wohnmobile unterwegs. Es geht dauernd rauf und runter und es ist richtig heiß. Im Djupvatnet frischen wir uns ab, bevor es das letzte Stück zum Saltstraumen geht. Die schmale Meerenge zwischen dem Skjerstadfjorden und dem Saltfjorden wird überspannt von der Saltstraumen-Brücke. Von oben haben wir den besten Blick auf den stärksten Gezeitenstrom der Welt. Abhängig von den Tiden fließt das Wasser mit bis zu 40 km/h durch die Engstelle und bildet dabei gewaltige Strudel.
Unsere Biwakstelle am Saltfjorden mit Blick auf Bodø ist wunderbar. Wir erkunden den Strand bei Ebbe und finden überall die Spaghetti-Häufchen der Wattwürmer.
Das letzte Stück nach Bodø geht auf Radwegen direkt entlang der E6. Die Stadt hat nicht viel Flair und musste nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut werden. So auch die Domkirche mit ihrem freistehendem Glockenturm, beides ganz aus schmucklosem Beton. Uns gefällt aber der Innenraum mit seinen klaren Linien und der schlichten Architektur. Nach einem Abstecher zur ultramodernen Bibliothek fahren wir die Hafenpromenade entlang zum Fähranleger. Hier besteigen wir die Fähre nach Moskenes auf den Lofoten. Auch diese ist kostenlos, aber man muss sich vorher als Passagier registrieren. Ein letzter Blick zurück zum Festland und dann ist Inselhopping angesagt!
Nordnorwegen
Lofoten
Vesterålen
Senja – Tromsø
Tromsø – Alta
Alta – Nordkap
Lofoten
Nach gut drei Stunden rollen wir in Moskenes von der Fähre. Wir sind auf der Insel Moskenesøya, eine der 80 Inseln der Lofoten. Wir haben traumhaftes Wetter und ab jetzt wird die Sonne nicht mehr untergehen, hier ist Polartag, auch Mitternachtssonne genannt.
Das erste Highlight ist gleich die Wanderung auf den Reinebringen (484 m). Seit 2022 führt der steile Weg über eine Sherpa-Treppe mit 1566 Stufen. Der Tiefblick von oben ist wohl eines der bekanntesten Fotomotive der Lofoten. Klar sind wir hier nicht alleine unterwegs, aber dieser Blick ist wirklich grandios.
Zurück auf den Rädern kommen wir kaum vorwärts, weil wir ständig fotografieren müssen, denn in Reine leuchten die typischen roten Häuschen in der Abendsonne. Die Straße führt entlang der steilen Ostseite, an der wir zwei Tunnels umfahren müssen. Die alte Straße ist autofrei und wir haben freien Blick auf das Meer. Wir hören die Orcawale schon, bevor wie sie dann auch sehen. Zehn Orcawale ziehen an der Küste nordwärts. Wir beobachten sie lange mit dem Fernglas. Für ein gutes Foto fehlt uns auch hier wieder ein Teleobjektiv.
Über die Kåkersundet-Brücke radeln wir auf die Insel Flakstadøya. Zuerst geht es am Kåkersundet entlang, dann am spiegelglatten Selfjorden. Was für ein unglaubliches Panorama! Nur der viele Wohnmobil-Verkehr stört uns hier.
Kurz vor Ramberg sehen wir die ersten Holzgestelle, an denen Kabeljau zu Stockfisch getrocknet wird. An einer Lagerhalle stehen mehrere Container voll gefüllt mit mumifizierten Köpfen der Stockfische. Man sieht gut, wie die Köpfe an Schnüren aufgefädelt waren.

Dann sind wir auch schon am Rambergstranda, einem der schönsten Sandstrände der Lofoten. Fast schon kitschig, wie die kleine rote Hütte vor dem weißen Sandstrand und dem blauen Wasser leuchtet.
Der Strand in Flakstad ist auch sehr schön, aber die Bucht ist komplett überfüllt, nicht nur auf dem Campingplatz stehen überall Camper Vans. Wir fahren weiter und umrunden den Kilpollen Fjord mit dem markanten Berg Blekktinden. Die nächste Insel Vestvågøya können wir nur durch das Nappstraum-Tunnel erreichen. Die Durchfahrt führt auf 1,8 km und 63 m unter dem Meer hindurch. Der viele Verkehr ist extrem laut. Wenigstens auf einer Seite gibt es einen Gehweg, den wir bei der langsamen Bergauffahrt nutzen. Ab Leknes können wir der E10 ausweichen und haben auf unserer Route nun deutlich weniger Verkehr. In Valberg gibt es einen herrlichen Sandstrand. Wir genießen als einzige Touristen norwegisches Beachlife, d. h. schwimmen im glasklaren Wasser bei 13 °C!
Über eine Brücke fahren wir auf die Insel Gimsøya, die wir auf einer kleinen Straße umrunden. Bei dem schönen Wetter absolut lohnend. Auf der folgenden größten Lofoten-Insel Austvågøya können wir zunächst der verkehrsreichen E10 nicht entkommen. Bei Kabelvåg sehen wir die Vågan-Kirche, die größte Holzkirche nördlich von Trondheim, und erreichen kurz danach Svolvær, die einzige Stadt der Lofoten. Entlang des Austnesfjorden ist es landschaftlich wieder sehr schön, wir sind aber froh, als die Radroute von der E10 abbiegt und wir den verbleibenden Teil von Austvågøya an der nordwestlichen Küste befahren.

Hier ist es viel einsamer. Am Storvatnet finden wir sogar einen kleinen Kiesstrand für eine Badepause. Kaum aus dem Wasser fahren wir plötzlich einer Nebelwand entgegen. Kurz darauf ist alles grau um uns herum, die Berge sind verschwunden und es ist kalt und feucht. Die Robbe am Morfjorden stört das aber nicht.
Wir haben Glück, der Nebel löst sich am Morgen auf und wir starten eine Wanderung auf den Berg Strøna (906 m). Der Weg führt vorbei am See Dalsvatnet und durch einen steilen Kessel hinauf zum Grat. Der Steig zum Gipfel wird zunehmend alpiner und erfordert wirklich Trittsicherheit. Der Ausblick auf die umliegenden Bergketten ist mal wieder fantastisch, sowie auch die Tiefblicke auf die Inseln, Sandstrände und das türkisfarbene Wasser.

Vesterålen
Mit der Fähre Fiskebøl–Melbu verlassen wir die Lofoten und kommen auf die Vesterålen, einer Inselgruppe aus sechs Inseln. Von Melbu aus umfahren wir die Insel Hadseløya im Uhrzeigersinn. Wir finden eine urige Strandhütte. Nach einem reichhaltigem Abendessen sitzen wir noch lange am Strand und bewundern die Wolkenstimmung und die Mitternachtssonne.

In Stokmarknes kommen wir am Hurtigruten-Museum und der Skulptur „Tage und Nächte“ vorbei und sind kurz darauf auf der Insel Langøya. Schon 23 km später verlassen wir sie bei Sortland wieder und fahren über eine große Brücke zur Insel Hinnøya. Hier verläuft die Straße sehr schön direkt entlang der Küste.
Über eine weitere Brücke kommen wir nach Andøya, die nördlichste Insel Vesterålens. Die Route führt entlang der Westküste. Aus München kommend müssen wir natürlich an der Raketenstartrampe von Isar Aerospace vorbeischauen. Erstaunlich unspektakulär! Wir biwakieren ganz in der Nähe mit Sicht auf die Antennen. Raketen sehen wir zwar nicht, aber wir finden Moltebeeren, denn auf Andøya gibt es das größte zusammenhängende Moorgebiet Norwegens.
Nördlich von Bleik stoppen wir an einem herrlichen weißen Sandstrand. Von hier sieht man auch die steil aus dem Wasser ragende Insel Bleiksøya, die Brutgebiet für Papageientaucher ist. Auf der Weiterfahrt sehen wir eine Nebelwand, die im Norden steht. In Andenes ist es dann auch wieder grau und kalt. Wir schauen kurz zum Leuchtturm und fahren dann zum Fährterminal.
Senja – Tromsø
Nach eineinhalb Stunden rollen wir in Gryllefjorden von der Fähre. Die Insel Senja begrüßt uns mit bestem Wetter und einer abartigen Blechlawine, die sich durch den ganzen Ort uns entgegen staut. Daraufhin entscheiden wir uns gegen das Ballevikskar-Tunnel, sondern fahren über die alte Passstraße und nehmen 170 Höhenmeter extra in Kauf. Dafür bekommen wir eine herrliche Aussicht auf den Gryllefjord. Die weitere Radroute schlängelt sich entlang der Nordküste der Senja. Von Straumsbotn geht es fast 300 Höhenmeter über einen kleinen Pass. Es ist richtig heiß, aber am meisten nerven die vielen Fliegen und Bremsen. Dafür ist die Abfahrt durch das 1,9 km lange Skalandtunnel eiskalt. Vom einem Aussichtspunkt haben wir einen herrlichen Blick auf den Bergsbotn-Fjord und seine umliegenden steilen Berge. Die gesamte Strecke bis zur Bucht bei Ersfjorden ist unglaublich schön.
Der Tag beginnt mit totaler Nebelsuppe. Die Aquakulturen im Medfjorden sehen wir nur schemenhaft. Wir verlassen den grauen Fjord und radeln 130 Höhenmeter bergauf. Begeistert, dass hier oben die Sonne scheint starten wir eine Wanderung auf den Keipen (938 m). Der Aufstieg zum Gipfel ist leicht und wir nehmen uns viel Zeit, um die atemberaubenden Ausblicke auf die Berge im Nebelmeer zu bestaunen.
Nur 10 km später sind wir in Botnhamn wieder im Nebel eingehüllt. Hier nehmen wir die Fähre nach Brensholmen auf der Insel Kvaløya und übernachten am Strand von Sandvika. Nach einem Frühstück mit Pfannkuchen fahren wir die landschaftlich schöne Strecke weiter. In Eidkjosen nimmt der Verkehr schlagartig zu, Tromsø ist nicht mehr weit! Zum Glück gibt es einen Radweg, der uns auch über die hohe Sandnessund-Brücke auf die Insel Tromsøya bringt.
Wir radeln an die Südspitze der Insel, wo wir an der Telegrafbukta, dem Stadtstrand von Tromsø, unseren Sohn Sebastian treffen. Er hat seine Radtour zum Nordkap inzwischen erfolgreich beendet und ist wieder zuhause in Tromsø. Wir freuen uns auf ein paar gemeinsame Pausentage. Es sind für uns die ersten seit dem Start in Lübeck. Die Universitätsstadt Tromsø hat eine nette kleine Altstadt und ist umgeben von grandioser Natur.
Tromsø – Alta
Gut erholt, aber etwas wehmütig verabschieden wir uns von Sebastian. Über die Tromsø-Brücke kommen wir wieder auf norwegisches Festland. Die Wolken hängen tief und schon bald fängt es an zu regnen. Erst am Fährhafen Breivikeidet bessert sich das Wetter. Wir nehmen die Fähre über den Ullsfjorden nach Svensby auf der Halbinsel der Lyngenalpen und radeln am Nordufer des Kjosen-Fjords nach Lyngseidet. Inzwischen sind die Berggipfel frei und die Sonnenstrahlen verstärken die intensiven Farben der purpurroten Blüten des Schmalblättrigen Weidenröschens und des türkisfarbenen Wassers des Kjosen. Die nächste Fähre bringt uns über den Lyngenfjorden nach Olderdalen. Ab hier verläuft die Radroute auf der Hauptstraße E6. Der Verkehr ist zum Glück nicht so schlimm. So können wir problemlos anhalten, denn die Fotomotive mit den blühenden Weidenröschen vor der Kulisse der Lyngenalpen sind einmalig schön.
Die Route bleibt an der Küste, erst am Lyngenfjorden, dann am Rotsundet, immer mit Blick auf die Lyngenalpen. Dann kommt das Sørkjos-Tunnel. Es ist für Radfahrer gesperrt, so geht es für uns 230 Höhenmeter bergauf über die alte Straße und wieder hinunter nach Storslett. Hinter Oksfjordhamn müssen wir das Kvænangsfjell-Tunnel umfahren. Herrlich einsam strampeln wir 400 Höhenmeter hinauf über das Kvænangsfjellet. Da über 300 m keine Bäume mehr wachsen, haben wir freie Sicht auf den Gletscher Øksfjordjøkelen. Wir umrunden den Badderfjorden und erreichen nach einem weiteren Anstieg auf 270 m den Ort Burfjord. Immer wieder sehen wir nun Warnschilder für Elche und Rentiere. Wir hoffen auf eine baldige Sichtung.
Wir folgen der Küste am Burfjorden und später am Langfjorden. Auf der Strecke nach Alta kommen etliche Tunnels, von denen manche für Radfahrer gesperrt sind. Wir umfahren möglichst viele, da wir so immer ein Stück fast autofrei radeln können. Bei der Umfahrung des Melsviktunnelen wird es dann doch abenteuerlich, denn 50 m der Straße sind seit einem Erdrutsch, der sich am 7. Juni 2020 ereignete (mehr Infos), komplett verschwunden. Vier Tage zuvor war bereits unterhalb ein 650 m breites Landstück inklusiv acht Häusern ins Meer gerutscht (mehr Infos). Etwas mühsam können wir über einen Trampelpfad die Räder auf die andere Seite schieben. Wir hätten wohl besser die Tunnelkarte nochmals checken sollen: da wurde vor diesem Stück gewarnt und das Tunnel empfohlen.
Auch Alta wurde im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört und der Wiederaufbau ist auch hier modern und nicht besonders schön. Es ist für uns die letzte Stadt vor dem Nordkap und wir schauen uns nur die Nordlichtkathedrale an.
Alta – Nordkap
Bei Rafsbotn verlassen wir den Altafjorden und über zwei Stufen geht es bergauf auf die Hochfläche Sennalandet auf 360 m. Leider hat sich das Wetter verschlechtert. Die arktische Landschaft wirkt bei dem grauen Himmel noch karger. Unsere Stimmung steigt aber, als wir das erste Mal „Nordkapp“ auf dem Straßenschild sehen. Endlos zieht sich die Straße schnurgerade durch einsamste Tundra. Und unglaublich! Hier treffen wir mitten im Nichts DIE Radlerin, die wir auf der Fähre von Dänemark nach Norwegen kennengelernt haben. Was für ein Hallo! Wir fahren danach gut 30 km gemeinsam.
Wir erreichen den 120 km langen Porsangerfjorden, an dessen Westufer die Strecke nach Norden verläuft. Das relativ neue 3,3 km lange Skarvberget-Tunnel hat eine eigene Fahrradspur, so fühlen wir uns sicher. Weit ab von der Straße finden wir ein schönes, einsames Plätzchen für unser letztes Biwak vor der finalen Etappe zum Nordkap.
Und ja, seit der Sennalandet Hochebene sehen wir viele Rentiere: Männchen mit mächtigen Geweihen, Weibchen mit kleineren Geweihen und begleitet von Jungtieren, ganz helle und ganz dunkle Exemplare, auf und neben der Straße und fast immer nur beim Fressen und somit nicht so leicht zu fotografieren. Am amüsantesten ist ihr charakteristischer Laufschritt.
Die letzte Etappe beginnt bei dichtem Nebel. Es wartet noch eine besondere Herausforderung auf uns: das knapp 6,9 km lange Nordkap-Tunnel führt tief unter dem Meer bis zur Insel Magerøya. Mit 9 % Gefälle geht es in der kalten Röhre hinunter auf 212 m unter dem Meeresspiegel und dann genauso steil alles wieder bergauf. Wir hatten Glück und nur wenig Verkehr im Tunnel. Rückblickend fanden wir die 35 Minuten der Durchfahrt gar nicht so schlimm. Nur unsere Lungen haben sich sehr auf frischen Sauerstoff gefreut, denn die Luft im Tunnel ist wirklich schlecht.
Auf Magerøya angekommen erreichen wir nach knapp 20 km den Ort Honningsvåg. Und wie vorhergesagt löst sich der Nebel auf. Den Skipsfjorden umrunden wir schon bei Sonnenschein. Die letzten 30 km zum Nordkap haben es in sich und wir müssen insgesamt noch 700 Höhenmeter, verteilt auf mehrere Anstiege, fahren. Die Landschaft auf dem Nordkapplateau ist überwältigend und wir sind fasziniert von dieser Weite.
Überglücklich stehen wir am 31. Juli um 18 Uhr nach 4010 km und 46300 Höhenmeter am Globus, der das Nordkap markiert. Und das bei bestem Wetter in T-Shirt und kurzer Hose!
Weit abseits der Straße übernachten wir auf dem Nordkapplateau. Wir feiern unsere Ankunft am Nordkap und genießen den Blick zur Mitternachtssonne.
Beim Frühstück beobachten wir etwas schockiert den Reisebus-Schlangenverkehr auf der schmalen Straße. Nach einem Blick auf eine Schiffstracking-Webseite sehen wir, dass ein großes Kreuzfahrtschiff in Honningsvåg liegt. Das erklärt den Verkehr, denn die 3000 Passagiere wollen ja auch das Nordkap sehen!
Wir machen einen Abstecher nach Skarsvåg. Ein herrlich ruhiges und beschauliches Fischerdorf, durch das ungestört drei Rentiere laufen und frisches Gras fressen. Hier startet die Wanderung zum Kirkeporten, auf der es uns fast schon zu heiß ist. Wir werden mit einem schönen Blick zum Nordkap durch den Felsbogen belohnt. Auf der Rückfahrt nach Honningsvåg machen wir am Skipsfjorden sogar noch eine Badepause und frischen uns im 10 °C kalten Wasser des Polarmeeres ab.
Honningsvåg hat einen malerischen Fischereihafen, aber besagtes Kreuzfahrtschiff dominiert leider die Szenerie. Am nächsten Vormittag machen wir noch eine schöne Wanderung über die Nordkapptrappa. Nach 1000 Stufen erreichen wir die toll gebaute Perletur Hytta und kurz danach über einen Pfad den Gipfel des Storfjellet (310 m). Die Aussicht auf den Porsangerfjorden und auf Honningsvåg ist wunderbar.
Gegen Mittag radeln wir zum Hafen und checken ein auf dem Hurtigrutenschiff Nordlys. Unsere Rückreise in Richtung Süden beginnt, auch wenn wir jetzt erst einmal weit in den Osten fahren. Wir freuen uns auf die Fahrt durch die Barentssee nach Kirkenes.
Finnland
Kirkenes – Grenze Finnland
Lappland – Pyhä-Luosto Nationalpark
Finnland – Einsamer Osten
Koli Nationalpark – Saimaa See – Helsinki
Kirkenes – Grenze Finnland
Die Schiffsfahrt ist sehr beeindruckend und führt entlang der rauen und kargen Küstenlandschaft der nahezu unberührten Finnmark. Nach 18 Stunden sind wir in Kirkenes, das nur ca. 10 km entfernt von der russischen Grenze liegt. Die Stadtrundfahrt fällt kurz aus, denn es ist Sonntag und das Zentrum ist fast menschenleer. Auffallend sind überall die zweisprachigen Schilder. Nun beginnt die Rückreise Richtung Süden und mit der Sonne im Gesicht. Die Wegweiser zeigen schwarz auf weiß, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben: München 4443 km!
Wir folgen der Radroute des EuroVelo 13 (EV13), dem „Iron Curtain Trail“. Die Strecke führt am Neiden– bzw. Munkefjorden entlang und auf einer Sandbank sehen wir eine Seehundkolonie. Hier verabschieden wir uns für längere Zeit vom Meer und biegen ins Landesinnere ab. An der Brücke über den Fluss Neidenelva (finnisch Näätämöjoki) hat man einen schönen Blick auf den Wasserfall Skoltefossen.
Lappland – Pyhä-Luosto Nationalpark
Kurz darauf sind wir in Finnland. Unsere Uhren springen eine Stunde nach vorne, denn Finnland hat Ost-Europäische Zeit. Versorgungstechnisch sollte es noch einfacher werden, denn, im Gegensatz zu Norwegen sind in Finnland die Läden auch sonntags geöffnet (vorausgesetzt es gibt überhaupt einen Laden, denn Finnlands Norden und Osten ist sehr dünn besiedelt). So können wir kurz nach der Grenze in Näätämö einkaufen und wieder in Euro bezahlen.
Die Landschaft ist sehr flach und nicht höher als 200-300 m. So ist hier alles mit lichtem, arktischen Wald, meist Kiefern, bedeckt. Wir kommen immer wieder an Flüssen oder Seen vorbei. Die Strecke ist sehr einsam, kaum Verkehr und keine Häuser. Wir fahren entlang am Nord-Westufer des Inarijärvi-Sees, dem drittgrößten See Finnlands. An einem kleinen Strand können wir baden und sind überrascht, dass das Wasser gar nicht so kalt ist. Wir biegen auf die Staatsstraße 4 ab und gleich nimmt der Verkehr zu. Am Juutuanjoki bei Inari finden wir einen schönen Zeltplatz. Und endlich ist es soweit, die Blaubeeren sind reif und wachsen hier in Hülle und Fülle. Ab jetzt eine willkommene Bereicherung für unser Frühstücksmüsli.
Die Straßen in Lappland sind oft schnurgerade, mit Wald auf beiden Seiten. Wir sehen immer wieder Rentiere auf und neben der Straße und wir freuen uns über die Abwechslung. Rentiere sind halbdomestizierte Nutztiere, die den Samen, also der indigenen Bevölkerung Lapplands gehören. Deshalb sind Rentiere nicht wirklich scheu, so ist dann auch der überdachte Eingang einer Ferienhütte ein chilliger Rastplatz für sie.
Von Inari, dem Zentrum der samischen Kultur, fahren wir bei schönem Wetter weiter nach Ivalo, dem größten Ort Nordlapplands. Beide Orte wirken auf uns, wie viele andere finnische Orte auch, als reine Versorgungszentren, die funktionell und ohne historische Zentren sind. Das ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass die deutschen Wehrmachtstruppen beim Abzug 1944 die Taktik der „verbrannten Erde“ angewendet haben und alle Orte in Lappland niedergebrannt wurden.
Inzwischen ist es auch mit 29 °C ungewöhnlich heiß, und wir sind froh, uns immer mal wieder abfrischen zu können. Kurz vor Saariselkä steigt die Straße auf eine Höhe von 360 m an und der Wald verschwindet. Saariselkä ist eines der bekanntesten Skizentren Lapplands mit Skipisten am Berg Kaunispää (437 m), endlosen Loipen und natürlich auch „Straßen“ für Schneemobile. Wir sehen diese Markierungen überall und versuchen uns vorzustellen, was hier im Winter los ist.
Der Verkehr auf der Staatsstraße 4 ist inzwischen mehr geworden und leider fahren die finnischen Autofahrer sehr rücksichtslos und rauschen mit Tempo 100 und viel zu wenig Abstand an uns vorbei. Es gibt aber keine Nebenstraßen, auf die wir ausweichen könnten. Radfahrer sind hier sicher eher die Ausnahme. Die einzigen Radfahrer, die wir auf der gesamten Durchquerung Finnlands treffen, sind Teilnehmer des Rennens „NorthCape4000„, die uns nördlich von Sodankylä entgegen kommen. Fahrräder werden nicht gefahren, sondern als „Zaunersatz“ genutzt.
Südlich von Sodankylä biegt der EV13 von der Staatsstraße 4 ab und damit wird es nun sehr ruhig und einsam. Wir erreichen den Pyhä-Luosto Nationalpark und können am wunderschön gelegenen Shelterplatz Tiaislaavu unser Zelt aufschlagen. Nach einer kleinen Wanderung durch die angrenzende Moorlandschaft, verbringen wir den Abend gemeinsam mit zwei Finninnen am Lagerfeuer.
Am nächsten Tag wandern wir zum Gipfel des Noitatunturi (538 m) und sind ganz alleine unterwegs. Weit schweift der Blick nach Süden auf die menschenleere Landschaft Lapplands, nur Wald und Sumpf, kein Haus weit und breit. Der Abstieg führt uns durch die Isokuru-Schlucht, Finnlands tiefster Schlucht mit bis zu 220 m hohen Wänden. Ein schön angelegter Weg über lange Treppen und Boardwalks. Ob es im Winter hier auch so leer ist, bezweifeln wir, denn östlich des Nationalparks gibt es bei Pyhätunturi wieder ein Skizentrum.
Finnland – Einsamer Osten
Auf der Weiterfahrt haben wir noch einen schönen Blick zurück auf die Berge und unsere Route weicht nun vom EV13 ab. Über eine schottrige Nebenstraße erreichen wir die Staatsstraße 5 und folgen dem Fluss Kemijöki bis zum Ort Kemijärvi. Wir radeln über kleine Schotterpisten bis zu einem traumhaften Sandstrand am See Kemijärvi, wo wir übernachten. Nach einem Bad im See genießen wir die unglaubliche Ruhe am Abend. Morgens ist der See spiegelglatt und alle Wolken reflektieren sich.
Für die Weiterfahrt müssen wir mit der Fähre über den Kemijärvi fahren. Diese Kabelfähren fahren auf Bedarf hin und her, auch wenn nur zwei Radfahrer da sind. Außerdem sind sie für alle Benutzer kostenlos. Zurück auf der Staatsstraße 5 überqueren wir den Polarkreis, der hier mit einem Monument gekennzeichnet ist. Wir folgen inzwischen der östlichen Route der „Via Karelia„, einer alten Handelsstraße, die uns weiter in den einsamen Osten Finnlands und damit in Richtung russischer Grenze bringen wird. Über das Wintersportzentrum Ruka erreichen wir Kuusamo. Hier versorgen wir uns mit Essensvorräten für mehrere Tage, denn auf den nächsten 300 km gibt es keine Einkaufsmöglichkeit.
Wir haben Lappland verlassen und die Landschaft verändert sich langsam. Die Bäume werden größer und der Wald wird forstwirtschaftlich genutzt, sichtbar an großen Flächen mit Kahlschlägen. Und schade, wir sehen keine Rentiere mehr. Auf der Strecke zwischen Kylmäjärvi und Vuokkijärvi kommen wir am Talvisodan Monumentii (Winterkriegs-Denkmal) und dem Winterkriegsmuseum vorbei. Der Winterkrieg 1939/1940 war ein sowjetischer Angriffskrieg gegen Finnland. Dies veranlasste Finnland dazu, eine befestigte Verteidigungslinie, die Salpa-Linie, entlang der finnischen Ostgrenze zu errichten. An mehreren Stellen sehen wir Panzersperren aus dieser Zeit.
Inzwischen sind wir sehr weit im Osten und keine 10 km von der russischen Grenze entfernt. Die ausgedehnten und unberührten Wälder sind Braunbären Gebiet. Mehr als 2000 Bären haben hier ihre Heimat. Seit unserer Balkanreise, die immer wieder durch Bären Regionen führte, sind wir nicht mehr so „naiv“ beim Wildzelten. Wir sind deshalb sehr dankbar über die wunderbaren Übernachtungsplätze, die wir in ganz Finnland immer wieder finden. Alle Plätze sind hervorragend ausgestattet mit Komposttoiletten und Holzvorräten. In der Galerie seht ihr einige Beispiele.
Extrem einsam radeln wir über die Stadt Kuhmo weiter nach Lieksa am Pielinen See, dem viertgrößten See Finnlands. Wir sind in der finnischen Seenplatte mit seinen ca. 42.000 Seen angekommen. Auf einem kleinen Inselchen finden wir einen traumhaften Shelterplatz direkt am Pielinen See. Inzwischen hat sich die Tageslänge auch verändert, abends erleben wir tolle Sonnenuntergänge und nachts wird es wieder richtig dunkel.
Es gibt zwar immer noch Abschnitte mit unberührter Natur, doch insgesamt wird die Landschaft besiedelter mit einzelnstehenden, typisch bunten Holzhäusern umgeben von landwirtschaftlich genutzten Wiesenflächen.
Koli Nationalpark – Saimaa See – Helsinki
Südlich von Lieksa lassen wir die EV13 Radroute komplett östlich liegen und verfolgen ab nun eine selber zusammen gestellte Route, denn wir wollen unbedingt einen Abstecher in den Koli Nationalpark machen.
Auf relativ guten Schotterstraßen geht es ständig rauf und runter, gesäumt von sehr schönen dichten Wäldern, bis wir den zentralen Teil des Parks mit einem Natur-Center und Wanderwegen auf über 300 m erreichen. Von hier wandern wir über die Gipfel der Koli-Berge (347 m). Es gibt mehrere Felskuppen, von denen man eine sehr weite Sicht über den Pielinen See mit seinen vielen Inseln hat. Blauer Himmel, blaues Wasser und grüner Wald. Dieser berühmte Ausblick ist einer von 27 Nationallandschaften Finnlands.
Über Kontiolahti erreichen wir nördlich von Joensuu den See Pyhäselkä, der zum Saimaa-Seensystem gehört. Der Saimaa ist der größte See Finnlands. Kleine Nebenstraßen führen durch das Hinterland von See zu See, bis wir in die Stadt Savonlinna kommen, die ebenfalls am Saimaa See liegt. Die Hauptsehenswürdigkeit (auch eine der finnischen Nationallandschaften) ist die mittelalterliche Burg Olavinlinna. Wir können die Burg nicht besichtigen, da sie für ein Konzert geschlossen ist. Dafür sorgen die dunklen Regenwolken und ein Regenbogen für eine dramatische Stimmung.
Nicht immer finden wir idyllische Biwakplätze an Seen und landen so auch einmal auf einer Wiese direkt an einem Fähranleger. Am nächsten Morgen haben wir hier ein nettes Gespräch mit einem Fährmann während seiner Pause. Dank seiner guten Englischkenntnisse lernen wir einiges über die Holzwirtschaft in der Region und speziell über den Holztransport auf dem Saimaa See.
Nach hunderten von Kilometern durch die finnischen Wälder werden wir endlich fündig. Ein untypisch trockener Sommer beschert uns dankenswerterweise sehr wenig Mücken, aber lässt auch kaum Pilze sprießen. Hier im Süden finden wir aber zum Glück mehrfach Steinpilze und Pfifferlinge. Eine wunderbare Ergänzung unseres Speiseplans, der aufgrund limitierter Möglichkeiten der Campingküche manchmal etwas eintönig ist. Immer wieder testen wir neue Sachen. Beim Pfannenkuchenmix überrascht erst die grüne Farbe, dann der herbe Geschmack, denn die Mischung enthält getrockneten Spinat. Die finnische Beschriftung ist einfach sehr schwer zu verstehen oder hättet ihr gewusst was „Pinaattilettu-Jauho“ ist? Dafür gibt es immer leckere Backwaren. Unsere Favoriten sind Zimtschnecken und Reis-Piroggen.
Im Südosten Finnlands sind die Nebenstraßen häufig nicht geteert. Oft ist der Schotter tief und locker, dann ist es mühsam zu radeln. Es fahren nur sehr wenige Autos, gut für uns! Allerdings rasen diese oft in hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Nicht gut für uns! Denn erstens werden wir in Staub eingehüllt und zweitens spritzen manchmal Steine von den Reifen ab, die uns treffen könnten.
Bei einem kurzen Stopp in Puumala schauen wir uns die Kirche an. Sie ist eine der größten Holzkirchen in Finnland und bietet Platz für 1200 Gläubige. Hier überlappt unsere Strecke stückweise mit der lokalen Radroute SSK (Suur-Saimaa kierros). Die Straße schlängelt sich über verbundene Inselchen durch die Seenlandschaft. Wunderbar zum Radfahren und bei inzwischen bestem Wetter können wir an einem Sandstrand sogar baden.
Es ist leider gar nicht selbstverständlich, dass wir an das Ufer eines Sees kommen. Auf unserer Route finden wir kaum öffentliche Badeplätze. So radeln wir oft stundenlang an Seen entlang, deren Wasser durch die Bäume glitzert, aber wir kommen nicht ans Ufer. Wenn es dann eine Stichstraße zum See gibt, steht zu 100 % ein Mökki, also eines der ca. 500.000 typisch finnischen Ferienhäuser, am Straßenende. Manchmal sehr frustrierend.
Süd-Finnland sieht auf einer Karte eigentlich flach aus, ist aber nicht eben. Die Nebenstraßen durch die Seenlandschaft sind steile Schotterstraßen und es geht dauernd rauf und runter. Unerwarteterweise liegen so am Ende des Tages immer über 1000 Höhenmeter hinter uns. Unsere Route führt über Lahti, wo wir auf den EuroVelo 11 (EV11) treffen. Statt durch dichte Wälder, fahren wir nun durch goldgelbe Getreidefelder. Die wilde, einsame und unberührte Natur liegt hinter uns und nach über 1700 km sind wir bald in Helsinki.
Da wir Helsinki schon auf unserer Baltikum Reise besichtigt haben, machen wir nur ein Ankunftsfoto am Senatsplatz, der aber momentan eine Großbaustelle ist. Am Fährhafen buchen wir uns ein Ticket für die Fähre nach Tallinn. Auf WIEDERsehen Skandinavien!
Baltikum (Estland, Lettland, Litauen)
Estland
Wir erreichen Tallinn, die Hauptstadt von Estland, von Helsinki aus mit einer ziemlich vollen Fähre. Schon auf dem Schiff erfahren wir, dass die Stadt durch ein sportliches Großereignis, dem Ironman Tallinn (Triathlon-Rennen), an diesem Wochenende gut besucht ist. Gut, dass wir trotzdem eine Unterkunft gefunden haben. Wir kennen Tallinn schon von unserer Radreise 2018 um die östliche Ostsee herum und nutzen deshalb unseren Aufenthalt ohne „Besichtigungs-Druck“ als erste Rad-Pause seit Tromsø. Wir müssen vor allem auch unsere Weiterfahrt planen und brauchen dazu Zeit, die einfach nach einem langen Radtag fehlt.
Von Tallinn aus wollen wir alle drei baltischen Länder durchqueren. Den EV13, der meist an der Küste entlang verläuft, sind wir schon 2018 geradelt und haben dabei neben Tallinn auch Riga kennengelernt. Da der EV11 vor allem in Lettland einen kilometerreichen Zickzack-Kurs verfolgt, basteln wir eine eigene Route zusammen. Sie soll uns durch einige Nationalparks, das weniger bekannte Hinterland der baltischen Staaten und Vilnius, die Hauptstadt Litauens, führen. Am Ende verbinden wir nationale und regionale Radrouten bis wir ab Litauen hauptsächlich dem EV11 folgen, der uns über die Suwalki-Lücke und weiter bis Warschau durch Nord-Polen begleitet.
Froh, einen Plan für die kommenden gut 1000 Kilometer zu haben, drehen wir aber noch eine Runde durch diese sehenswerte Stadt und besuchen zwei interessante Punkte, die wir noch nicht kennen: Das Schloss Katharinental und die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus 1940-1991. Das Erstere ist ein hübsches und buntes Schloss (heute ein Kunstmuseum), umgeben von einem noch bunteren Garten und dem großen Kadrioru Park. Das Zweitere wurde 2018 unweit der Ostsee-Küste am östlichen Stadtrand errichtet und gedenkt über 75.000 Opfer des Kommunismus, die in Estland von 1940 bis zur Unabhängigkeit 1991 ermordet, eingesperrt oder deportiert worden sind. Die „Wände der Erinnerung“ erzeugen als tiefer schmaler Gang zwischen hohen dunklen Wänden (die Tausende von Opfernamen enthalten) für uns zusammen mit leiser Musik einen würdevollen und beeindruckenden Gedenkort.
Auf unserer Weiterfahrt Richtung Süden werden wir schon bald vom „estnischen“ Wetter überholt. Wind und heftiger Regen machen die Fahrt auf der Straße 15 nicht gerade zu einem Vergnügen. Diese „Bundesstraße“ ist erstaunlich ausgebaut und viel befahren. Am Anfang gibt es noch einen Radweg, doch bald bleibt nur noch eine unterschiedlich breite Schulter, um einen gewissen Abstand zu den wohl gerne schnell fahrenden Esten zu haben. Aber auf den ersten 60 km gibt es für uns kaum eine asphaltierte Alternative.
Einen Kontrast dazu bietet dann aber das wenig besuchte Mukri-Moor beim Ort Eidapere, das wir nach mehreren Regenpausen am Abend erreichen. Hier können wir auf einem Boardwalk die ruhige Moorlandschaft erkunden und die langen Bretter verhindern dabei, dass unsere Schuhe noch nasser werden. Am Morgen gibt es sogar einen der wenigen sonnigen Momente in Estland, denn diese Tage werden, im Nachhinein gesehen, die kühlsten und feuchtesten der gesamten Rückfahrt vom Nordkap sein.
Bis zu unserem nächsten Ziel, dem Soomaa Nationalpark (wörtlich „Sumpfland“) geht es teils im Regen über manchmal matschige Nebenstraßen. Vier riesige Moore bilden zusammen mit Wäldern, Auen und Sümpfen ein großes nahezu unbewohntes Gebiet, das zu den wichtigsten Naturschutzgebieten Europas gehört. Einen kleinen Eindruck davon können wir auch hier nur auf einem perfekt angelegten Wanderweg auf Brettern bekommen. Die verhindern zwar das Nasswerden von unten, aber schützen uns nicht vor dem Gewitterguss, der uns überrascht und sogar unsere Regenkleidung überfordert. Ausgefroren und durchnässt erscheint uns das Biwak in der winzigen Shelterhütte als wahrer Luxus. Und ein Schutz vor Luchs, Wolf und Braunbär ist es obendrein. Auch wenn wir sie nicht zu Gesicht bekommen, können wir uns ihr Vorkommen in dieser abgelegenen Gegend gut vorstellen.
Immer wieder Regenschauer, feuchte Schotterpisten, abgelegene Gehöfte und lange gerade Waldstraßen verführen uns am letzten Tag in Estland zu einer langen Etappe bis zur Grenzstadt Valga. Da lockt einfach die heiße Dusche in einem Hostel, das noch fast im Originalzustand der 90er ist.
Die Kleinstadt Valga hat, zusammen mit der lettischen Schwesterstadt Valka, eine bewegte Geschichte hinter sich. Die ehemals gemeinsame Stadt „Walk“ war als Eisenbahnknotenpunkt in der Vergangenheit häufig ein Zankapfel zwischen Esten und Letten. Erst mit dem Schengener Abkommen von 2007 kann man die Grenzlinie, die mitten durch die Stadt verläuft, wieder einfach so mit dem Rad überqueren.
Lettland
Wir verlassen das flache und regnerische Estland und gewöhnen uns in Lettland schon fast an gute Teerstraßen. Denn auf den ersten 40 km geht es auf perfekter Straße durch große Wälder und über den Fluss Gauja bis zur Kleinstadt Smiltene. Danach lernen wir aber schnell, dass die meisten Nebenstraßen in Lettland Schotterpisten sind, die durch eine immer leicht wellige Kulturlandschaft führen. Es gibt wenig Verkehr, freundliche Leute und einfache Häuser mit sehr gepflegten Gärten. Die Landschaft ist nicht spektakulär, aber sehr dünn besiedelt und eine Kreuzotter auf der Straße ist dann schon eine willkommene Abwechslung.
Spannend ist auch die aussichtsreiche Shelter, die wir auf einem „seltsamen“ Hügel entdeckt haben. Eine Weg-Spirale führt hier auf eine Grasebene, die u. a. mit abgeschnittenen Baumstämmen, einer Feuerstelle und einer Schaukel bestückt ist. So recht verstehen wir den Sinn nicht. Wir respektieren den wohl spirituellen Ort auf unsere Weise und genießen einen so einsamen Platz mit Windschutz und Abendsonne.
Lettland kommt uns hier im östlichen Teil deutlich „ursprünglicher“ vor als Estland. Auf unserer Route begegnen wir wenigen Autos, aber interessanten Wassertürmen, verlassenen Industrieanlagen, kleineren „Einheits“-Plattenbauten und vielen landwirtschaftlichen Brachflächen. In Jēkabpils erreichen wir den großen Fluss Daugava (deutsch Düna), dem wir einen Tag lang folgen. Die Strecke ist flach, einsam, staubig und langweilig, denn die Daugava schiebt sich auf ihrem Weg nach Norden (und später nach Riga) immer gleich und träge durch Wiesen und Felder.
In Daugavpils schauen wir uns die große Zitadelle an. Die gut 200 Jahre alte Anlage diente als Verteidigungsanlage, Garnisonsstadt, jüdisches Ghetto, Kriegsgefangenen-Lager und Kaserne. Heute stehen wenige restaurierte Gebäude neben neueren Plattenbauten, einiges ist verfallen und anderes wird als Museum oder für Verwaltungen genutzt. Auf einer Karte oder in Luftbildern sieht die Anlage imposanter aus, als wir sie mit dem Rad durchfahrend erleben.
Im Zentrum von Daugavpils spüren wir an jeder Ecke noch die Zeit der lettischen Sowjetrepublik. Kein Wunder, es ist in der EU die größte Stadt mit einer überwiegend russischsprachigen Bevölkerung. Wir halten uns nicht länger auf und hoppeln die verbleibenden 20 km bis Litauen über eine äußerst staubige Piste, die wir manchmal nur noch erahnen können, wenn ein Auto an uns vorbei „fliegt“. Wir sind nur froh, dass wir nicht von spritzenden Steinen getroffen werden!
Litauen
Die Grenze zu Litauen erkennen wir nur an dem Schild, das am Straßenrand steht. An der Kurve danach erreichen wir unseren östlichsten Punkt im Baltikum, Belarus ist hier nur gut 2 km entfernt. Wir biegen nach Westen ab und kommen als nächstes durch Visaginas, einer 1977 für den Bau des nahegelegenen Kernkraftwerks Ignalina errichteten Arbeiterstadt. Die mitten in einem Kiefernwald und an einem See errichtete Stadt strahlt für uns eine schwer zu beschreibende Atmosphäre aus. Überall wird nur russisch gesprochen und die Wohnhäuser und Freizeitanlagen sehen nicht nur so aus, sondern dienten auch als Kulisse für die Serie „Chernobyl“ über die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl.
Erst westlich der Stadt Ignalina finden wir wieder schöne Natur, denn hier beginnt der wald- und seenreiche Nationalpark Aukštaitija. Hier gibt es eine vom Park eingerichtete Zeltstelle, die über einen gut angelegten Badesteg verfügt, wenn bloß die Mücken nicht wären. Die besuchen uns nun schon den zweiten Abend. Scheinbar war der Sommer in Litauen feuchter als in Finnland und so kommen unsere Kopfnetze wieder zum Einsatz. Wir hatten uns wohl zu früh gefreut, die Beißviecher losgeworden zu sein. Abends nach Sonnenuntergang halten wir es aber sogar mit den Netzen nicht lange draußen aus.
Auf jeden Fall sind sie am nächsten Tag auf dem „Aussichtsturm der Freunde“ vom Winde verweht und wir haben von diesem Handymasten mit Aussichtsplattform einen schönen Ausblick auf die umliegenden Seen und Wälder. Da der Nationalpark Aukštaitija direkt an den noch deutlich größeren Regionalpark Labanoro grenzt, bleiben uns die langen und ruhigen Waldstrecken noch bis Molétai erhalten. Außer kurzen Abschnitten sind hier, im Gegensatz zu Lettland, auch fast alle Nebenstraßen geteert, aber trotzdem wenig befahren. In den kleinen Ansiedlungen sehen wir immer wieder alte Holzhäuser, die schöne unterschiedliche Farben und einen sehr ähnlichen Baustil haben. Wenn dann alte Ziehbrunnen von Photovoltaik-Anlagen abgelöst werden, sieht man, dass auch hier die Zeit nicht stehen bleibt.
Über die Orte Labanoras, Molétai, Dubingiai und Nemencine erreichen wir die am Fluss Neris gelegene Hauptstadt Litauens, Vilnius. Mit ca. 600.000 Einwohnern ist sie die größte Stadt des Baltikums und wir nehmen uns zwei Tage Zeit, um ihre wechselvolle Geschichte und ein paar ihrer zahlreichen besonderen Bauwerke kennen zu lernen.
Besonders interessant sind die sehr unterschiedlich gebauten Kirchen. Da es hier über 50 davon gibt, können wir uns gut vorstellen, warum Vilnius heute auch den Beinamen „Rom des Ostens“ trägt. Vor gut 100 Jahren wurde sie dagegen noch als „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet, da die Bevölkerung überwiegend aus Juden und Polen bestand und Vilnius zu den größten jüdischen Städten überhaupt gehörte. Die Kriege des 20. Jahrhunderts und Phasen der sowjetischen Besatzung führten dann aber zu einem völligen Bevölkerungsaustausch. Bei dieser tragischen Geschichte ist es eigentlich erstaunlich, wie lebensfroh, aufgeräumt und hergerichtet sich die Stadt heute präsentiert.
Viele Bauten der Altstadt sind toll restauriert oder rekonstruiert und nicht umsonst UNESCO-Welterbe. Bauwerke vom Mittelalter bis heute spiegeln die geschichtlichen Phasen wider. So stehen die Mauerreste um den alten Gediminas-Turm unweit des von Hochhäusern geprägten modernen Stadtteils Šnipiškės. Interessant finden wir die Relikte der Beton-Architektur aus sowjetischer Zeit: u. a. das Parlamentsgebäude, der ehemalige Hochzeitspalast und der beeindruckende Kultur- und Sportpalast, der dem Verfall preisgegeben ist.
Von der jüdischen Kultur bekommen wir leider fast nichts mehr mit: Die Synagogen wurden zerstört, vom Ghetto gibt es keine Überreste. Und der früher mehrheitlich von Juden bewohnte Stadtteil „Užupis“ (bedeutet „jenseits des Flusses“) war nach der Zerstörung während des Holocausts und der sowjetischen Besatzung lange vernachlässigt und heruntergekommen und hat sich erst nach der Unabhängigkeit in 1990er Jahren zu einem Künstler- und Szeneviertel entwickelt.
In der kurzen Zeit gewinnen wir von Vilnius und seiner Innenstadt zumindest einen kleinen Eindruck und sind außerdem begeistert von der Sauberkeit überall. Und als wir per Zufall am Tag der „Feier zur Befreiung von der sowjetischen Herrschaft“ in ein Openair Konzert mit litauischem Volkstanz und Gesang stolpern, können wir uns direkt vorstellen, die Stadt ein weiteres Mal zu besuchen.
Für uns geht es aber weiter in den Trakai Nationalpark. Dort liegt in und an mehreren glasklaren Seen die kleine Stadt Trakai mit einer ehemals bedeutenden und wieder errichteten Wasserburg. Im Mittelalter war sie sogar für einige Jahre die Hauptstadt des Großfürstentums Litauen. Wir genießen den Anblick von orangen Ziegelsteinen unter blauem Himmel und anschließend ein Bad an einem schönen Sandstrand. Ansonsten ist es hier eher touristisch, aber um diese Jahreszeit schon ziemlich leer.
Die restliche Strecke in Litauen ist nicht spektakulär. Tagsüber sehen wir Buchweizenfelder, rumpeln kurze Abschnitte über Wellblech-Pisten und kleine staubige Nebenstraßen und erreichen bei Merkinė das Tal der Memel (litauisch Nẽmunas). Sie kommt aus Belarus und zieht sich auf ihrem Weg zur Ostsee hier träge und breit durch große Waldgebiete. Abends ärgern uns dagegen die Mücken ziemlich.
Beim Kurort Druskininkai, der als Sanatoriumsstadt schon mal bessere Zeiten erlebt hat, verlassen wir die Memel wieder. Wir durchqueren einen weiteren Regionalpark mit Seen- und Moränenlandschaft und erreichen am südlichen Teil der sogenannten Suwalki-Lücke die Grenze zu Polen. Zwischen dem russischen Kaliningrad im Nordwesten und Belarus im Südosten ist es mit gut 100 Kilometern die einzige Landverbindung der baltischen Länder mit der restlichen EU und der anderen NATO-Staaten. Hier müssen alle Versorgungswege durch: Eisenbahn, Pipelines, Starkstromleitungen und die Europastraße 67 „Via Baltica“. Von alldem bekommen wir nicht so viel mit, als wir von der EV11 Radroute abbiegen und mitten im Wald über eine kleine Nebenstraße die Grenze erreichen. Nach der freundlichen Kontrolle durch polnische Beamte setzen wir unseren Weg auf einer Schotter-Waldstraße fort.
Polen
Über Augustow nach Warschau
Warschau
An der Weichsel nach Krakau
Krakau
Über Auschwitz nach Tschechien
Über Augustow nach Warschau
Polen ist flächenmäßig etwas kleiner als Deutschland mit einer nur gut halb so hohen Bevölkerungsdichte. So sind auch die 400 km durch Nord-Polen zuerst geprägt durch große einsame Wälder, Moor- und Flusslandschaften und später durch intensiv landwirtschaftlich genutztes Land. Auf unserer Route kommen wir kaum durch größere Ortschaften und folgen erst dem EV11 und dann länger dem gut beschilderten nationalen Radweg „Green Velo“.
Wir radeln gleich am Anfang durch die Wälder und Seenlandschaft des Wigierski-Nationalpark und zum Kloster Wigry. Anfang September ist hier die Saison vorbei und wir sind alleine unterwegs. Auch die Mücken sind verschwunden, nur abends brüllen jetzt die Hirsche im Wald. Die Elche, die es hier geben soll, sehen wir leider auch hier nicht. Nach einem Versorgungsstopp im Kurort Augustow geht es in die sehr dünn besiedelte Gegend entlang und durch den Nationalpark Biebrza. In diesem größten Nationalpark Polens schlängelt sich der kleine Fluss Biebrza durch eine ausgedehnte Sumpflandschaft. Das Wetter ist dabei sehr wechselhaft. Mittags suchen wir Kühlung im klaren Wasser der Biebrza und abends müssen wir uns vor einem schweren Gewitter in einen überdachten Aussichtsturm retten.
Die weitere Strecke bis Warschau ist nicht spannend, führt durch Maisfelder und abgeerntete Getreidefelder und endlose Straßenorte. Die einzige Straße ist gesäumt von zurückgesetzten Häusern, deren wenig attraktive Gärten auch noch oft mit hohen Zäunen umgeben sind, ein wirklicher Ortskern aber fehlt. Freundliche und interessierte Menschen treffen wir hier nicht. Da wir kein Polnisch und die Einwohner kein Englisch oder Deutsch können, kommen wir nirgends ins Gespräch. Selbst die Verständigung im Supermarkt oder bei der Suche nach Wasser ist nicht einfach.
Überhaupt ist Wasser für uns immer ein Thema: Es gibt keine öffentlichen Wasserstellen, Brunnen oder Toiletten und so bleibt meist nur ein Dorfladen oder eine Tankstelle als „Quelle“ übrig. Manchmal haben wir den Eindruck, dass wir mehr Wegkreuze als Menschen sehen. Unzählige dieser Kreuze mit unterschiedlichster Dekoration stehen an Feld- und Wiesenrändern.
Auch wenn die Strecke überwiegend flach ist und wir keinen großen Wind haben, sind wir froh, als wir an einem Sonntag-Nachmittag die Altstadt Warschaus erreichen. Nach ein paar wechselhaften Tagen mit Schauern wartet nun bestes Wetter und eine dreitägige Radpause auf uns.
Warschau
Als Hauptstadt Polens und mit fast 2 Millionen Einwohnern ist Warschau das politische Zentrum des Landes. Unsere drei Tage in dieser beeindruckenden Stadt können uns deshalb nur einen kleinen Einblick geben und alles, was wir uns anschauen, liegt dabei auf der Westseite der Weichsel, dem großen Strom, der durch die Stadt führt.
Besonders beeindruckt uns das UNESCO-Welterbe der wiederaufgebauten Warschauer Altstadt. Im Laufe des 2. Weltkriegs wurde von Deutschen bis 1944 alles zerstört: das Königsschloss, Kirchen, Denkmäler, historische Gebäude, Häuser, einfach alles. Am Ende des Krieges blieben nur noch unbewohnbare Ruinen und 100.000 Minen zurück.
Als Zeichen des Triumphs über die Besatzer wurde zum Glück beschlossen, die Altstadt einschließlich des Schlosses möglichst originalgetreu wieder aufzubauen. Dabei half auch, dass der Maler Bernardo Bellotto im 18. Jahrhundert detailreiche Ansichten von Fassaden hinterlassen hat. Bis 1955 war der Wiederaufbau der Altstadt dann vollendet, das Königsschloss selber blieb aber bis 1971 eine Brachfläche und wurde erst bis 1984 wieder rekonstruiert. Wir können diese ungeheure Aufbau-Leistung Polens heute bestaunen.
Die Stadt bietet uns wirkliche viele Eindrücke und unsere Bilder zeigen nur einen winzigen Ausschnitt: Wir sehen neue Wolkenkratzer von berühmten Architekten, den riesigen Kultur- und Wissenschaftspalast im Stil des Sozialistischen Realismus, das zur Fussball-Europameisterschaft errichtete Nationalstadium, ein LED-beleuchteter Springbrunnen, eine komplette begrünte Uni-Bibliothek und weiter außerhalb große Parkanlagen mit klassizistischen Bauten. Dazwischen gibt es Stadtpaläste, Museumsbauten und so manches Denkmal berühmter Stadtbewohner, z. B. vom Komponisten Frédéric Chopin und der Nobelpreisträgerin Marie Curie.
Als Deutsche berührt uns aber am meisten die tragische Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Zeit des Dritten Reiches. Auch wenn vom Warschauer Ghetto nur noch ein kleines Mauerstück zu sehen ist, spüren wir an den Denkmälern des Warschauer Aufstands 1944 und am Ghetto-Ehrenmal (berühmt durch den Kniefall von Willy Brandt 1970) die Geschichte. Eindrücklich ist auch das Denkmal am „Umschlagplatz“, es steht nur leider heute auf einer Verkehrsinsel einer befahrenen Straße. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden hätte uns auch sehr interessiert. Wir können es leider nur von außen besuchen, da es an diesem Tag geschlossen ist.
An der Weichsel nach Krakau
Über einen super ausgebauten Radweg direkt entlang der Weichsel und später an einer größeren Ausfallstraße verlassen wir Warschau nach Süden. Erst nach Schloss Wilanow nimmt der Siedlungsbereich langsam ab und wir kommen in die großen Obst-Anbaugebiete entlang des flachen Weichsel-Tals. Neben einigen Zwetschgen- und Birnenplantagen werden hier vor allem Äpfel angebaut. Vor der Stadt Warka, vor allem bekannt durch die gleichnamige Biermarke, fahren wir sogar ca. 12 km ununterbrochen durch Apfelplantagen. Links und rechts der Straße leuchten reife Äpfel aus den dicht bestandenen Reihen. Hinter dem Ort und jenseits des kleinen Weichsel-Zuflusses Pilica endet der Obstanbau abrupt und wir radeln wieder öfter durch Wald und Wiesen.
Nach einem freundlichen Tipp durch einen lokalen Rad-Begeisterten radeln wir über schöne und wenig befahrene Straßen durch das Hinterland. Im Landschaftsschutzgebiet des Kozienicki Park finden wir eine großzügig angelegte Shelterstelle, die bei dem angesagten Regen für uns perfekt ist. Mitten im großen Waldgebiet haben wir ein ausladendes Dach über dem Zelt und können entspannt den Regen abwarten. Schnell wird es stockfinster und wir hören nur noch die Brunftschreie der Hirsche. Plötzlich leuchten uns die Scheinwerfer eines Autos an. Es sind aber dann nur zwei Wachleute, die den nebenan stehenden Imbisswagen kontrollieren und uns komplett ignorieren. Dann sind wir mit der Natur zum Glück wieder alleine. Über ein paar sandige Abschnitte fahren wir aus dem Park und wechseln später bei Puławy auf die Ostseite der Weichsel.

Bis zum Ort Kazimierz Dolny haben sich hier entlang des Ostufers der Weichsel durch Erosion lauter natürliche Hohlwege in das weiche Gestein gegraben. Die Wände dieser „Löss-Schluchten“ werden dabei von den faszinierenden Wurzeln alter Bäume gehalten und in manchen verlaufen Wege. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen und fahren bzw. schieben unsere schweren Räder durch einige davon hinauf und hinab. Es ist wirklich eine ganz eigene Landschaftsform.
Südlich von Kazimierz Dolny beginnen wieder Obstplantagen und sogar Weinanbau ist hier möglich, da das Klima scheinbar mild genug ist. Davon merken wir bei einem herbstlich anmutenden und etwas feuchten Biwak in den Weichselauen nicht viel. Erst auf der sonnigen Strecke entlang des westlichen Hochufers der Weichsel wird uns wieder so richtig warm. Eine kleine geteerte Straße führt in einem netten auf-und-ab und abwechselnd durch Apfel- Zwetschgen- und Walnussplantagen südlich von Solec nad Wisła über Zawichost nach Sandomierz. In der gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt gibt es ein etwas seltsames teils gotisches Rathaus, ein nicht besonders schönes Schloss und eine der bekanntesten Löss-Schluchten der Gegend.
Nach einer weiteren Zeltnacht in den Flussauen nahe des Schlosses Baranow Sandomierski radeln wir immer flach am Ostufer der Weichsel nach Südwesten. Im Ort Szczucin beginnt dann der WTR-Radweg (Wiślana Trasa Rowerowa), dem wir in Teilen bis Krakau folgen.
Nach den ersten Kilometern auf oder entlang des Dammes der Weichsel verlassen wir die Radroute aber bald wieder, da wir unbedingt die bunten Häuser von Zalipie sehen wollen. Die volkstümlichen Ornamente der Häuser haben das Dorf in Polen bekannt gemacht und auch uns hierher gelockt. Die wenigen angemalten alten Häuser sind ganz nett, aber die neuen Häuser mit ihren allzu gleichmäßigen Girlanden wirken auf uns etwas aufgesetzt. Na ja, ein großer Umweg war es wenigstens nicht.
Kurz danach bremst uns der kleine Nebenfluss Dunajec zunächst ein bisschen aus. Auf unserem Weg Richtung Krakau wollen wir die kleine Kabelfähre bei Janikowice nehmen, da die nächste Brücke einen Umweg von 25 km bedeuten würde. Aber die Fähre liegt mit Maschinenschaden am Ufer und wird wohl an diesem Tag auch nicht mehr funktionieren. Etwas unfreundlich werden wir weitergeschickt. Zum Glück gibt es aber 4 km flussaufwärts eine weitere Fähre, die auch funktioniert.
Über den Rest der Strecke gibt es nicht viel zu erzählen: kleine Dörfer, Felder, ein nebeliger Morgen und die letzten gut 30 km bis Krakau immer auf dem Damm der Weichsel. Das Wettrennen mit dem angesagten Regengebiet verlieren wir leider und so stranden wir bei Starkregen in einer Bushaltestelle wenige Kilometer vor der Stadt.
Krakau
Noch am Abend der Ankunft machen wir einen Spaziergang durch den Stadtteil Podgórze auf der Südseite der Weichsel. Bis 1915 war der Stadtteil als Josephstadt mit seiner imposanten Josefskirche sogar einen eigene Stadt. Später wurde hier 1941-43 das Krakauer Ghetto errichtet. Auch die Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler steht hier und ist inzwischen als Museum zu besichtigen. Vom Ghetto selber gibt es nur wenige Mauerreste und erst seit 2005 erinnert der mit leeren Stühlen bestückte „Platz der Ghettohelden“ an die Tragödie während des 2. Weltkrieg.
Am nächsten Morgen begrüßt uns die zweitgrößte Stadt Polens mit blauem Himmel und vielen Sehenswürdigkeiten. Es zieht uns gleich auf den Wawel-Hügel, wo neben Schloss und Kathedrale auch ein Ausblick über die Altstadt von Krakau warten. Vor fast 1000 Jahren haben sich hier die polnischen Könige eine Residenz gebaut und diese jahrhundertelang als Regierungssitz genutzt. Gekrönt und begraben wurden sie in der Kathedrale. Krakau war deshalb auch lange die Hauptstadt Polens.
Uns erscheint der ganze Komplex ein bisschen als ein wirres Durcheinander von Baustilen, der aber trotzdem nicht nur von polnischen Touristen gerne besucht wird. Dem Gewimmel entkommen wir mit dem spannenden Aufstieg zur 12 Tonnen schweren Sigismundglocke. Die 500 Jahre alte Glocke stammt sogar aus Bayern und wird immer noch genutzt, beeindruckend.
Bevor wir uns am Nachmittag durch die Altstadt (UNESCO-Welterbe) zum großen Hauptmarkt mit Rathaus, Tuchhallen und Marienbasilika treiben lassen, unternehmen wir einen eher etwas ungewöhnlichen Ausflug in den in den 1950er Jahren neu errichteten Stadtteil Nova Huta. Hier wurde im Sozialistischen Klassizismus eine komplett eigene Stadt und das damals weltgrößte Stahlwerk gebaut. Später kamen dann unzählige Plattenbausiedlungen hinzu und heute leben hier fast 200.000 Menschen. Als Arbeiterstadt sollte es Gegenstück zum königlichen Krakau sein.
Mit der Straßenbahn schnell von der Altstadt Krakaus zu erreichen, wollen wir hier einen Eindruck von der sozialistischen „Phase“ bekommen. Fast hautnah können wir das in einer der wenigen übrig gebliebenen Milchbars („Bar mleczny„) erleben. Seit 50 Jahren unverändert gibt es hier für jeden einfaches und typisch polnisches Essen. Für uns ist es unglaublich billig und nur mit einer Übersetzungs-App können wir an der Ausgabe klar machen, was wir probieren wollen.
Ein völlig anderes Krakau erleben wir im Stadtteil Kazimierz. Ehemals eine eigene Stadt war der östliche Teil davon als jüdische Siedlung für Jahrhunderte das kulturelle und religiöse Zentrum der Juden in Polen. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war nur die Bausubstanz erhalten geblieben, verfiel aber langsam zu einem Armutsquartier. Erst nach dem 1993 Teile des Holocaust-Film „Schindlers Liste“ hier gedreht wurden, erlebte der Stadtteil einen neuen Aufschwung und wurde zu einem Touristenquartier mit vielen Restaurants. Heute wechseln sich toll restaurierte Bauten und nette Cafés mit immer noch heruntergekommenen Fassaden ab.
Wir schließen unseren Rundgang durch die Stadt an der modernen und mit tollen Skulturen bestückten Fußgängerbrücke „Kładka Ojca Bernatka“ über die Weichsel ab.
Bei Regen sind wir in die Stadt gekommen und bei Regen verlassen wir sie auch wieder. Unspannend radeln wir zum größten Teil auf dem Weichsel-Damm der Radroute EV4 (bzw. WTR) entlang. Bogen um Bogen geht es dem mäandrierenden und kleiner werdenden Fluss entgegen. Wie im restlichen Polen treffen wir auch hier keine anderen Radler. Nach gut 80 km kommen wir in Oświęcim (deutsch Auschwitz) an.
Auschwitz und nach Tschechien
Traurige Berühmtheit erlangte die kleine Industriestadt durch das 1940-1945 betriebene deutsche Konzentrationslager Auschwitz, dessen Gelände heute als UNESCO-Weltkulturerbe mit der Bezeichnung „Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager“ zu besichtigen ist. Wir können und wollen hier nicht die Geschichte dieses unglaublichen Ortes beschreiben (der verlinkte Wikipedia Eintrag gibt zumindest eine Übersicht), sondern wollen kurz beschreiben, wie wir unseren Besuch dort erlebt haben.
Wie so manches in Polen erscheint uns auch hier, dass eine „Sehenswürdigkeit“ gut vermarktet wird. Als Reiseradler können wir unseren Besuch nicht Wochen im Voraus festlegen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir in mühevollen Recherchen lernen, dass wir das Museum und das Gelände tatsächlich als Individual-Touristen, ohne gebuchte Führung und sogar kostenlos besuchen können. Allerdings müssen wir dafür in Kauf nehmen, nur noch festgelegte Zeitfenster am Abend zu bekommen.
So bleiben uns für beide Bereiche, das Konzentrationslager Auschwitz I (Stammlager) und das viel größere Gelände des Vernichtungslagers Birkenau (Auschwitz II), nur gut 1,5 Stunden, bevor die Dunkelheit hereinbricht. Als wir dann am Ende in der Dämmerung mit Handy-Taschenlampen in einer völlig dunklen Frauenbaracke des Lagers Auschwitz II stehen, sind wir durch die spärlichen Beschilderungen und Erklärungen doch etwas „erstaunt“ über das Besichtigungskonzept. Uns kommt es so vor, dass man nur mit einem bezahlten Führer hier erwünscht ist. Aber gerade weil wir diesen Ort des Grauens alleine und an einem ruhigen grauen Abend erleben, ist er deshalb um so eindringlicher für uns.
Das letzte Stück unserer Route durch Polen führt durch das teils dicht besiedelte Oberschlesien. Vorbei an eher unschönen Industrieorten und unzähligen Teichen verlassen wir erst in der Stadt Skoczów die Weichsel. In den folgenden leichten Hügeln bis zur Grenzstadt Cieszyn (deutsch Teschen) müssen wir uns erst wieder an ein Bergauf- und Bergab-Fahren gewöhnen, denn bis hier war Polen auf unserer Route fast ausnahmslos flach. Bevor wir in das neunte Land unserer Reise wechseln, müssen wir noch nicht einmal unsere letzten Złoty ausgeben, denn ähnlich wie in Norwegen, konnten wir auch in Polen alles bargeldlos bezahlen (solange man keine öffentliche Toilette braucht!).
Tschechien und Slowakei
Tschechien
Die Brücke über den Fluss Olsa ist der Grenzübergang. Wir sind in Tschechien, genauer in Český Těšín, dem tschechischen Teil der Stadt Teschen. Wir schauen uns den Marktplatz und das Rathaus an und radeln aus der Stadt. Unsere Route folgt dem Radweg 46, der Beskiden-Karpaten Magistrale, der durchgehend sehr gut beschildert ist. Im nördlichen Teil führt diese durch die Mährisch-Schlesischen Beskiden, ein Gebirgszug, der parallel zur slowakischen Grenze verläuft, und im südlichen Teil durch die Weißen Karpaten. Nach den Flachetappen durch Polen freuen wir uns auf ein paar Anstiege.
Vom ersten Hügel sehen wir Richtung Ostrava und sind froh, nicht durch die stark besiedelten und industrialisierten Gebiete zu fahren. Trotz der Berge ist es nicht immer so leicht Trinkwasser zu finden, wie an der schönen Quelle Cyrilka. Immer öfters müssen wir deshalb in Restaurants nach Wasser fragen.
Die erste Etappe beenden wir auf einem Pass mit 820 m. So hoch waren wir schon länger nicht mehr. Wir haben auch noch einen Grund zum Feiern: wir haben die 8000 km Marke geknackt. Die weitere Strecke verläuft als schöne, autofreie Höhenstraße, von der man immer wieder Sicht auf die bewaldeten Mittelgebirgshügel hat. Wir machen einen Abstecher nach Pustevny, ein sehr touristischer Ort auf über 1000 m, an dem Häuser im volkstümlichen Stil stehen. Die Straße quert den Hang unterhalb des 1129 m hohen Radhošť, bevor es hinunter ins Tal nach Rožnov pod Radhoštěm geht.
Über mehrere, z.T. extrem steile Anstiege kommen wir nach Vsetin und weiter nach Vizovice. Hier wird in der bekanntesten Schnapsbrennerei Tschechiens der Jelínek Sliwowitz gebrannt. Vielleicht ist das die Erklärung, warum auf dem nächsten Stück die Autos alle im Rennmodus an uns vorbeirasen. Extrem unangenehm.
Überall in Tschechien hängen die Bäume voll mit Äpfel, Zwetschgen, Birnen und Walnüssen. Wir sammeln nur, was am Boden liegt und haben jeden Tag genug Obst für unser Frühstücksmüsli.
Wir erreichen die Berge der Weißen Karpaten. Die Route behält ihren Charakter: kleine, geteerte Straßen, manche sehr steil. Nach Březová finden wir ein Traumplätzchen mit Picknickshelter. Noch einmal können wir einen Sonnenuntergang mit Aussicht erleben. Der folgende Abstecher zum Aussichtsturm Korytňanská rozhledna lohnt sich auch, denn von hier haben wir einen kompletten Rundblick auf die Landschaft und den höchsten Berg der Weißen Karpaten.

Nach einer langen Abfahrt durch ein ruhiges Waldtal meistern wir hinter Malá Vrbka den letzten Anstieg in Tschechien. Es erwartet uns eine breite Wiesenkuppe, hier ist Radfahren einfach nur noch schön. Locker rollen wir abwärts durch Obstgärten nach Strážnice und zur tschechisch-slowakischen Grenze bei Sudoměřice.
Slowakei
Damit sind wir in der Slowakei, unserem 10. und letzten Land der Reise, angekommen. Die Berge liegen wieder hinter uns und die restliche Route orientiert sich an der Morava (deutsch March), dem Grenzfluss zu Tschechien bzw. Österreich. Wir werden ihr bis zur Mündung in die Donau folgen.
Über Skalica und Holíč mit seinem baufälligen Schloss gelangen wir zu einem Dammweg, dessen Qualität sehr variiert, mit teils schlimmen neu geschotterten Abschnitten. Aber wir haben nochmal bestes Spätsommerwetter und genießen die letzten Tage auf dem Fahrrad, wenn da nicht so manches Hindernis wäre: seltsame U-förmige Schranken oder auch einmal ein fast senkrechter Kanalübergang.
Der nahende Herbst kündigt sich an mit Wiesen voller lila Herbstzeitlosen und mit Feldern, auf denen tausende, in Reihen angeordnete Steirische Ölkürbisse liegen. Hier wächst eine spezielle Sorte, die für die Produktion von Kürbiskernöl verwendet wird.
Viele Schilder erleichtern nicht immer die Orientierung. Schwer zu finden ist das Schild für den EV13, auf den wir kurz nach dem Dreiländereck Österreich-Tschechien-Slowakei treffen. Bereits durch Finnland sind wir dem EV13 (Iron Curtain Trail) gefolgt. Alte Grenzanlagen erinnern daran, dass die ehemalige Tschechoslowakei ab den 1950ern ihre Grenze zu Österreich mit Stacheldrahtzäunen und Minenfeldern stark befestigt hatte. Die 2012 eröffnete „Fahrradbrücke der Freiheit“ erinnert an die Opfer, die beim Fluchtversuch durch die March getötet wurden. Ein weiteres Denkmal steht an der Mündung der March in die Donau, das „Tor der Freiheit“, das ebenfalls an die Opfer des Eisernen Vorhangs erinnert. Für unsere letzte Nacht der Reise im Zelt finden wir ein ruhiges Wiesenplätzchen. Etwas wehmütig kuscheln wir uns in die Schlafsäcke und erinnern uns an die vielen Orte, Erlebnisse und Eindrücke unserer bisher längsten Radreise.
Nun geht es an der Donau entlang bis Bratislava, das seit 1993 die Hauptstadt der Slowakei ist. Die Kulisse des Präsidentenpalais ist perfekt für unser finales Zielfoto. 8300 km und viele Stunden im Sattel liegen hinter uns. Jetzt brauchen wir erst ein bisschen Zeit, um das alles zu verarbeiten.
Wir haben eine kleine Wohnung für zwei Nächte gemietet, genug, um einen ersten Eindruck von Bratislava zu bekommen. Die Bratislavaer Burg, das Wahrzeichen der Stadt, können wir nur von außen besichtigen. Irgendein „hoher Besuch“ und Scharfschützen verwehren uns den Zutritt. Die Sicht von der Burgmauer auf den Martinsdom, die Altstadt und die „Brücke des Slowakischen Nationalaufstands“ mit dem Turmrestaurant „Ufo“ ist jedoch sehr lohnend.
Das Wetter verschlechtert sich und unser ausgedehnter Stadtrundgang findet leider bei Regen statt. Die Hauptsehenswürdigkeiten, wie das alte Rathaus und die blaue Sankt-Elisabeth-Kirche wirken deshalb etwas trist. Das Zentrum der Altstadt ist überschaubar, doch am meisten begeistern uns die kreativen Bronzeskulpturen, die über die Stadt verteilt zu finden sind. Die Bekannteste ist der Čumil vom slowakischen Bildhauer Viktor Hulík.
Die Wettervorhersage für die nächste Woche zeigt Regen und kalte Temperaturen. Perfektes Timing, die Reise hier und jetzt zu beenden. Mit dem Flixbus lassen wir uns entspannt über Wien nach München schaukeln. Zeit über das Erlebte nachzudenken und neue Ideen im Kopf entstehen zu lassen.
Fazit und Erfahrungen
Jedes Land ist anders
Während unserer Radtour bereisen wir 10 europäische Länder und erleben die „kleinen“ Unterschiede.
In Norwegen ist die Landschaft spektakulär, egal wo man ist. Die Menschen sind offen, freundlich und suchen oft die Begegnung mit uns. Das ist einfach, denn eigentlich jeder kann Englisch sprechen. All das ist vielleicht ein Grund, warum sich inzwischen die Touristen an manchen Orten stauen! So erfahren wir von Norwegern, dass sie sich von diesem Übertourismus überfordert fühlen und um ihre schöne Natur bangen. Natürlich sind auch wir Touristen, aber es macht halt einen Unterschied, ob 10 Menschen in mindestens 5 Wohnmobilen mit je 7 Meter durch das Land fahren und abends einen Parkplatz brauchen, oder ob 10 Radfahrer am Rand der Straße ruhig entlang radeln!
Finnland erleben wir einsam und waldig, waldig, waldig! Kontakt zu Menschen haben wir fast gar nicht. Liegt es an der Sprachbarriere oder sind sie einfach weniger neugierig? Uns erscheinen sie etwas „grummelig“ und desinteressiert.
Im Baltikum und Polen ist die Landschaft nicht so imposant. Dafür rückt das Kulturelle und Geschichtliche für uns mehr in den Vordergrund. Ohne unsere Stadtbesuche wären die 2000 Kilometer eher eintönig gewesen.
Wasser
Für das lebensnotwendige Nass wollen wir keine PET-Wasserflaschen nutzen. In Norwegen ist das kein Problem, denn jeder Supermarkt hat ein Waschbecken neben dem Pfandautomat oder eine Kundentoilette und zur Not gibt es auch noch Wasser an den allermeisten Friedhöfen. Gut ausgestattet sind auch die WCs an Parkplätzen und Fährstationen.
In Finnland gibt es die Waschbecken nur in manchen Supermärkten. Fährstationen fallen weg, Parkplätze haben meist nur Trockentoiletten und auf Friedhof stehen, wenn überhaupt, nur Brauchwasserbehälter. Dafür gibt es aber genügend saubere Seen, zumindest zum Waschen und Kochen.
Auf der restlichen Reise fragen wir in Tankstellen, Restaurants, kleinen Läden und auch mal den netten Rentner im Vorgarten. Immer hilfreich sind gute offline Karten, in denen Quellen, Trinkwasserstellen und öffentliche Toiletten eingezeichnet sind.
Müllvehikel?
Schon in Südnorwegen sind wir überrascht, wie viel Müll und vor allem auch Pfanddosen/-flaschen, trotz eines existierenden Pfandsystems, im Straßengraben landen. Gerade in Norwegen werden die Straßenränder im Sommer regelmäßig mit großen Mähern von Gras und Gestrüpp befreit. Dabei wird alles, auch der Müll, zerkleinert. Die scharfen Kanten einer zerhäckselten Alu-Dose oder PET-Flasche sind aber ein Problem für Weide- und Wildtiere. Die fressen nämlich gerne das gemähte Gras und verletzen sich dann innerlich. Dagegen könnten selbst wir als Radfahrer etwas unternehmen, denn leichte Aludosen und PET-Flaschen können wir mitnehmen, zum Recyclen bringen und werden am Ende dafür durch das Pfand auch noch belohnt.
So sammeln wir während der Tour, hauptsächlich in Norwegen und weniger auch in Finnland, insgesamt 550 Pfanddosen (und bekommen dafür 85 Euro Pfand)! Bei jeder einzelnen Dose/Flasche bedeutet das für uns: anhalten-absteigen-Fahrrad sicher abstellen-Dose aufsammeln-verstauen-aufsteigen-losfahren! An manchen Tagen sehen unsere Räder wie umfunktionierte Müllvehikel aus, aber wenigstens ist dann der rechte Straßengraben – zumindest kurzzeitig – etwas sauberer.

Die ganze Zeit fragen wir uns aber: Wer macht das? Wer wirft Pfanddosen und Plastikflaschen weg, deren Rohstoff recycelt werden kann und sollte? Wer die Hauptverursacher sind, Einheimische oder Touristen, können wir bis zum Schluss nicht beantworten. Allerdings fällt uns auf, dass entlang besonders touristischer Strecken besonders viel Müll liegt (z. B. auf den letzten 30 Kilometern zum Nordkap, auf denen zu 95 % nur Touristen unterwegs sind). Wir finden immer wieder nicht nur Dosen des jeweiligen Landes, sondern auch Dosen aus vielen anderen europäischen Ländern.
Auch in den baltischen Ländern gibt es ein Pfandsystem und dort sind die Straßenränder erstaunlich sauber. In Polen gibt es (noch immer) kein Pfandsystem und die Straßenränder sind extrem vermüllt. Wo bleiben hier die EU-weiten Regeln für ein verpflichtendes Pfandsystem? Aber wenigstens liegen die Plastikflaschen jetzt MIT Deckel in der Landschaft!
Ausrüstung
Wir werden nicht von Sponsoren unterstützt! Die Markennamen werden nur genannt, um euch entsprechende Infos weiterzugeben und sind somit keine Werbung oder Empfehlung.
Räder
Wohnen
Kochen
Unsere Route zum NORDKAP und zurück
BLAU = Route zum Nordkap und zurück
GRÜN = Fähren
ZELT = Biwak/Shelter (Hinweis: Die Biwakstellen markieren manchmal nur die „ungefähren“ Bereiche, in denen wir einen geeigneten „Platz“ gefunden haben)
PUNKT = Übernachtungen in Zimmer/Apartment









































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































WOW!
Den großen Respekt vor eurer unglaublichen Radreise – und insbesondere auch vor eurem Reisestil – hab ich euch bereits bekundet. Jetzt kommt auch noch die Anerkennung vor diesem Bericht dazu. Ich hab gefühlt einen ganzen Tag mit Lesen und Anschauen zugebracht, wie viel Arbeit habt ihr da erst für die Aufbereitung rein gesteckt! Wunderschöne Fotos, ein m.E. ausgewogenes Verhältnis zwischen Text und Bildern, interessante kulturelle Hintergründe, viele verwertbare Informationen, … Und das alles in hoher (auch rechtschreiblicher 🙂 Qualität.
Vielen Dank dafür!!
Servus Peter,
danke für die nette Rückmeldung. Wir freuen uns immer, wenn die Arbeit mit solchen Kommentaren belohnt wird.
Grüße