Island (5) – Im Westen

Unsere Zeltstelle ist fast perfekt. Es ist kein Ort in der Nähe, wenn da nicht die beiden Scheuen in der Landschaft stehen würden, die beide ein völlig unnötiges Licht außen haben. Der Wecker klingelt um 0:30 Uhr zum ersten Mal. Um diese Jahreszeit wird es noch nicht komplett dunkel, doch wir sehen Sterne und irgendwann erkennen wir auch die ersten flackernden Lichter am Himmel. Fantastisch, wir sehen Polarlichter! Insgesamt stehen wir im Stunden-Abstand noch zwei Mal in der Nacht auf, in der Hoffnung, die Polarlichter noch besser erleben zu können. Die Lichtphänomene verändern sich andauernd und sind mit dem Auge übrigens nicht so intensiv grün, wie man sie von Fotos kennt. Trotzdem ist es faszinierend, die ständig wechselnden Polarlichter beobachten zu können. Zu manchen Zeiten scheint der ganze Himmel über dem Westen Islands zu flackern.

Der nächste Tag ist grau. Es gibt zwar nur einen kleinen Schauer, doch die Berge sind alle in Wolken gehüllt. Wir radeln auf der Strasse 37 nach Laugarvatn und ab dort auf der 365 und 361 in den Nationalpark ƥingvellir (UNESCO Weltkulturerbe). Nach dem Gullfoss und dem Geysir wird uns hier die Entwicklung im Vergleich zu unserer Tour vor 28 Jahren am Deutlichsten. Auf Grund der Besuchermassen gibt es nun große Parkplätze, Picknick Bänke, fest angelegte Bretterwege und in einer mit glasklarem Wasser gefüllten Erdspalte kann man unter Anleitung und natürlich gegen Eintritt schnorcheln. Damals sind wir noch völlig alleine auf einem kleinen Pfad durch diese grüne Gegend gegangen. Trotzdem ist die Umgebung beeindruckend. Wir bekommen einen schönen Eindruck von dieser Grabenbruchzone, vor allem auf dem Weg durch die Schlucht Almannagjá. Dass sich hier 900 Jahre lang die Bewohner zu einer Art ersten Parlament versammelt haben, kann man nur erahnen, denn es gibt keine wirklichen historischen Hinterlassenschaften.

Panorama Pingvellir

Blick über den Pingvallavatn

Da wir an diesem Tag noch bis Reykjavik kommen müssen, schwingen wir uns bald wieder auf die Räder. Nach einem letzten kleinen Pass rollen wir auf der Strasse 36 der Hauptstadt Islands entgegen. Dank unseres GPS finden wir auch den Weg zum Campingplatz, der direkt in der Innenstadt liegt. Die großen Straßen lassen sich dabei umgehen und auf einigen Stücken nutzen wir einen Radweg, der leider nicht gut ausgeschildert ist. Der Campingplatz ist eine Zeltstadt. Wir schaffen es gerade noch vor dem Regen unser Zelt aufzubauen und versuchen dann einen Platz in dem viel zu kleinen überdachten Bereich der Küche zu finden. Dafür ist der Preis groß (fast 18 Euro/Person und Nacht, hier ist schon der 10% Discount für Radfahrer abgezogen). Ein teurer, überfüllter Stadtcampingplatz, aber wenigstens inklusiv warmer Dusche.
Wenig später hört der Regen wieder auf. Da es für den kommenden Tag noch schlechter angesagt ist, absolvieren wir noch am Abend eine kleine Stadtrundfahrt mit dem Rad: Hafen, Altstadt, die berühmte „Beton“-Kirche Hallgrímskirkja. An einem grauen und kalten Abend reicht uns das als Eindruck.

Der letzte Tag unserer Reise ist leider tatsächlich so wie in der Wettervorhersage. Regen und stürmischer Wind aus Südwesten. Gegen Mittag bauen wir das nasse Zelt ab und begeben uns auf den Weg. Bis wir aus der Stadt herauskommen, gibt es immer noch einmal Windschutz von Gebäuden (dafür gibt einige Hügel in der Stadt), aber dann trifft uns der Wind voll von schräg hinten. Auf der äußerst befahrenen Strasse 41, die zum Glück einen großen Seitenstreifen hat, werden wir vom Regen zum Flughafen gepeitscht. Zeitweise „hängen“ wir schräg auf dem Rad um den Wind auszugleichen. Als Gegenwind wäre es unfahrbar gewesen. Wir treffen sogar Radfahrer, die aufgegeben haben und zurückschieben. Trotz guter Regenausrüstung kommen wir durchnässt und ausgefroren am Flughafen Keflavik an und fühlen uns wie „gekärchert“. Als wir dann auch noch entdecken, dass das unter der „Bike Box“ versteckte Verpackungsmaterial (Seesäcke für die Taschen und Luftpolsterfolie für die Räder) verschwunden ist, sinkt die Stimmung endgültig. Von ankommenden Radlern bekommen wir aber ausreichend Material, um die Räder wieder flugtauglich zu verpacken. Das Einchecken klappt damit auch problemlos. Da es draußen weiter stürmt und regnet, wird uns der Abschied von Island sogar leicht gemacht, denn in Deutschland wartet sommerliches Wetter auf uns.

Etappen
Stykkisholmur – Borgarnes -> 103 km, 600 Hm
Borgarnes – Schutzhütte F338 -> 62 km, 720 Hm
Schutzhütte F338 – Geysir -> 76 km, 800 Hm
Geysir – Reykjavik -> 95 km, 650 Hm
Reykjavik- Flughafen Keflavik -> 52 km, 450 Hm

Die Route durch den Westen (grün = Übernachtungen)

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