Kirgistan-5: Karakol und Kegeti Pass

Nach einer regnerischen Nacht wird das Wetter stabiler. Am Ende der Kökomeren Schlucht kommen wir in den Ort Kojomkul. Es ist ein etwas verlassen wirkendes Straßendorf, in dem wir aber für den letzten Abschnitt unserer Tour noch einmal etwas Lebensmittel kaufen können. Dann wird es wirklich einsam. Bis wir Richtung Bischkek die Berge verlassen werden, sehen wir nur noch vereinzelte Jurten, die hier öfters durch (blaue) Bauwagen ersetzt sind. Wenige Kilometer hinter dem Ort biegen wir nach Osten ab und folgen für über 90 km dem Karakol Tal. Die anfangs sehr trockene Landschaft wird dabei immer grüner und die vergletscherten Bergketten rücken näher zusammen.

Nachdem uns die letzten Teilnehmer des Silk Road Mountain Races begegnet sind, treffen wir nur noch sehr wenige Menschen. Dafür aber einige Hunde! Die Begegnungen gehen glücklicherweise gut aus, auch wenn es mal eines Sprintes oder ein paar Steinen bedarf. Nach anfänglichem Wellblech auf einer sehr lockeren Piste bessert sich die Fahrspur zunehmend. Am ersten Tag schaffen wir es bis auf eine Höhe von ca. 2700 m. Vor uns steht beständig eine dunkle Front, die nach Schneefall aussieht. Dementsprechend weht ein kalter Wind, so dass wir uns sogar mittags etwas Warmes kochen. Gegen Abend klart es auf und es wird die erste Nacht mit Frost.

Bei bestem Sonnenschein geht es dann die letzten 30 km auf den Karakol Pass (3450 m). Am Schluss wird es steil, bleibt aber fahrbar. Erneut ziehen bis mittags Wolken auf, doch mehr als ein paar Regentropfen bekommen wir nicht ab. Dann geht es eingemummelt für ca. 25 km bergab. Auf 2750 m zweigt die Spur zum Kegeti Pass ab. Auf unserer gesamten Tour haben wir jeden Reiseradler und Bikepacker nach dem aktuellen Zustand dieses „legendären“ Passes befragt und haben recht unterschiedliche Angaben erhalten (von „Horror“ über „müsst wahrscheinlich schieben“ bis „sollte gehen“ war alles dabei). Das Wetter sieht aber ganz gut aus und wir haben heute noch genügend Zeit, um uns eine Zeltstelle möglichst knapp unter der Passhöhe zu erarbeiten. Also versuchen wir es. 

Bis ca. 3350 m ist es ein erstaunlich gut fahrbarer Weg, steil und sehr einsam. Wir zelten direkt auf dem Fahrweg. Da hier aber kein Auto mehr fahren kann, ist das kein Problem. Der klare Himmel beschert uns erneut eine recht frostige Nacht, aber auch Sonnenschein am nächsten Morgen. Früh beginnen wir die letzten 400 Höhenmeter des Anstieges. Wir wollen vor den ersten Wolken auf der Passhöhe stehen. Und obwohl wir fast 2 ½ Stunden brauchen, um die voll bepackten Räder teils fahrend, teils schiebend und ein kurzes Stück tragend über den Geröllhang des Kegeti Passes zu bringen, erreichen wir bei strahlend blauem Himmel die Passhöhe auf 3780 m. Die Ausblicke sind umwerfend und wir sind ganz alleine. Es ist buchstäblich der letzte Höhepunkt unserer Radreise, denn von hier aus geht es Richtung Bishkek nur noch bergab.

Die Fahrspur nach Norden führt in vielen Kurven hinab ins wunderschöne Kegeti Tal und ist durchwegs fahrbar. Manchmal wird es etwas rau, wenn der Gletscher versucht den Weg wegzuschieben oder die Fahrspur im Flussbett verläuft. Von Geröllfeldern, Moränen und Gletschern geht es durch alpine Matten in das von vielen Tian Shan Tannen geschmückte Flusstal des Kegeti. Der klare und rauschende Bach begleitet uns, bis wir die Berge verlassen. Erst weit unten gibt es die ersten wenigen Jurten und ein paar Häuser. Wir wollen aber das Tal noch etwas genießen und suchen uns für eine weitere Nacht eine Zeltstelle. Allerdings ist das gar nicht so einfach, da auch genügend Kirgisen für einen Ausflug in das kühlere Bergklima fahren.

Wir sind überrascht, dass schon im ersten Ort, Daci Kegeti, die Teerstraße beginnt. So können wir der Ebene um Bishkek entgegen rollen. Durch die Dörfer Sovetskoye, Rot-Front (1927 von deutschsprachigen Mennoniten als „Bergtal“ gegründet) geht es nach Yuryevka. Hier entwickelt sich aus einem kleinen Einkauf in einem Dorfladen eine Einladung zu einem Mittagessen im Kreis der Familie des Ladenbesitzers. Die Gastfreundschaft ist umwerfend. Nach einem Wodka ist es gar nicht so einfach, den Absprung zu schaffen. Aber schließlich sind es noch über 60 km bis nach Bishkek, wo wir am Abend wieder im Viva Hostel eine Dusche genießen wollen. Diese müssen wir uns hart verdienen, denn bevor wir in Dmitrievka auf die Hauptstraße treffen, gibt es noch ein gutes Stück staubige Nebenwege. Auf die verbleibenden 25 km bis nach Bishkek hätten wir auch gut verzichten können. Bei 35 Grad und abendlichem Schlangenverkehr werden wir auf der schlechten Teerstraße sehr nahe von vielen stinkenden LKWs überholt. Wir sind froh, als wir diesen letzten Teil unserer Radreise heil überstanden haben.

Und zum Abschluss gibt es kirgisische Küche.

1100 Kilometer und 13000 Höhenmeter Kirgistan liegen hinter uns.
Unzählige Erlebnisse und Eindrücke von einem wilden Land mit freundlichen Menschen bleiben!

blau = Radtour, Marker = Übernachtungen
GPX-Datei: Kirgistan_Teil5

Etappen:
14. Kökomeren Schlucht – Karakol Tal -> 73 km, 820 hm
15. Karakol Tal – Kegeti Pass -> 53 km, 1280 hm
16. Kegeti Pass – Kegeti Tal -> 28 km, 420 hm
17. Kegeti Tal – Bishkek -> 86 km, 200 hm

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