Island – Im Westen

Unsere Zeltstelle ist fast perfekt. Es ist kein Ort in der Nähe, wenn da nicht die beiden Scheuen in der Landschaft stehen würden, die beide ein völlig unnötiges Licht außen haben. Der Wecker klingelt um 0:30 Uhr zum ersten Mal. Um diese Jahreszeit wird es noch nicht komplett dunkel, doch wir sehen Sterne und irgendwann erkennen wir auch die ersten flackernden Lichter am Himmel. Fantastisch, wir sehen Polarlichter! Insgesamt stehen wir im Stunden-Abstand noch zwei Mal in der Nacht auf, in der Hoffnung, die Polarlichter noch besser erleben zu können. Die Lichtphänomene verändern sich andauernd und sind mit dem Auge übrigens nicht so intensiv grün, wie man sie von Fotos kennt. Trotzdem ist es faszinierend, die ständig wechselnden Polarlichter beobachten zu können. Zu manchen Zeiten scheint der ganze Himmel zu flackern.

Nach dieser „unruhigen“ Nacht kommen wir erst spät los und radeln im Sonnenschein über einen nur 200 m hohen Pass auf die Südseite der Snæfellsnes  Halbinsel. Vor allem am Beginn der Strecke geht es durch eine farbenfrohe Vulkanlandschaft. Die weitere Strecke Richtung Borgarnes folgt sehr eben der Strasse 54, eine gute Teerstraße, deren Verkehr nicht zu störend ist. Außerdem haben wir meist Rückenwind, die Sonne scheint und am Ende gibt es schöne Ausblicke auf den Langjökull Gletscher in der Ferne. Wir kommen gut voran und unterbrechen die flotte Fahrt nur an einer weiteren heißen Quelle. Ca. 1 km abseits der Straße erreicht man über eine kleine Schotterstraße die Quellen von Landbrotalaug. An zwei Stellen kann man sich ins heiße Wasser setzen, die eine ist aber nur für 2 Personen und war nicht „frei“, die andere enthält schlammiges Wasser, das mit 42 °C gerade noch auszuhalten ist. Verwöhnt von den bisherigen Quellen, baden wir hier nur kurz.
Nach 100 km erreichen wir Borgarnes gerade noch bevor der Supermarkt schließt. Der sehr sparsam ausgestattete Campingplatz am Beginn des Ortes liegt zwar sehr nahe an der verkehrsreichen Ringstraße, doch direkt am Fjord finden wir noch eine schöne Stelle. Es ist erstaunlich viel los.

Vulkangebiet Kothraunskula

Durch die späten Öffnungszeiten des Bonus Supermarktes kommen wir wieder erst spät los. Wir wollen aber noch einmal ins Hochland und benötigen Vorräte für die restlichen Tage unserer Route. Das Wetter ist wieder fantastisch. Nach zum Glück nur wenigen Kilometern auf der Ringstraße geht es über die Strasse 50 nach Nordwesten bis wir auf die wohl vor kurzem erst zum großen Teil geteerte Strasse 52 abbiegen. Völlig ohne Verkehr geht es flach 20 km durch ein schönes Flusstal. Erst am Ende steigt die Straße etwas an und der Schotter beginnt. Heute hat die Sonne so viel Kraft, dass wir tatsächlich in nur knielangen Hosen und T-Shirts radeln. Und so brauchen wir die heiße Quelle von Krosslaug gar nicht zum Aufwärmen, sondern nur zum Genießen. Zum Glück ist wenig los, denn das Naturbecken in einem kleinen lichten Birkenwäldchen ist wirklich klein. Mit 3-4 Personen ist es voll. In der Nachmittagssonne heizt uns das 42 °C heiße Wasser so auf, dass wir teils nur die Füße hineinhängen können. Weiter geht es über die 52 bis zur F550. Ca. 1 km nördlich der Abzweigung steht eine weithin sichtbare Nothütte, die wir als Radler für eine Nacht benutzen wollen. Wir sind alleine in der Hütte, die sich durch die Sonne des Tages richtig erwärmt hat und wir genießen es, Schutz vor dem schon wieder aufgekommenen kalten Wind zu haben. Als wir in der Nacht erneut nach Polarlichter schauen sind wir überrascht, dass wir von dichtem Nebel umgeben sind. Es sind wohl die ersten Anzeichen des Herbstes.

So fahren wir auch am nächsten Morgen in einer feuchten Nebelsuppe über die F338 weiter. Die Piste hat Hochlandcharakter und ist stellenweise durch die Lavaasche sehr locker und schlecht zu radeln. Verfahren kann man sich nicht, da die Strecke immer einer Stromleitung folgt. Erst am frühen Nachmittag, als wir die Lava-Ebenen südlich des Langjökull Gletschers erreichen, lichtet sich der Nebel und gibt einen fantastischen Blick auf den Gletscher und die umliegenden Berge frei. Die Piste bleibt aber schlecht und nach der Abfahrt in die 200 m tiefer liegende Ebene im Osten wird sie sogar noch schlechter. Da werden wir als Radfahrer noch einmal richtig gefordert und müssen auch noch zweimal furten. Wir sind mehr als 7 Stunden unterwegs, um nach 50 km auf die geteerte 35 zu treffen. Bis dahin waren wir fast alleine unterwegs. Erst nach 3 Stunden treffen wir das erste Auto und insgesamt werden es auf der Strecke nur 5.

Langjökull – Wüste und Gletscher entlang der F338

Das ändert sich schnell, als wir nach wenigen Kilometern am Gullfoss ankommen. Der Parkplatz ist voll. Es gibt eine Baustelle für ein erweitertes Besucherzentrum und es wimmelt an Leuten. Da es inzwischen spät ist und noch etwas Nachmittagssonne da ist, können wir aber trotzdem den sich in der Gischt bildenden Regenbogen an diesem mächtigen Wasserfall genießen.
Nur wenige Kilometer weiter wartet das nächste Highlight. Der Geysir. Er liegt in einem geothermal Gebiet, in dem es mehrere heiße Töpfe, Fumarolen mit bunten Mineralienablagerungen gibt und eben den einzigen regelmäßig tätigen Geysir, den Strokkur. Alle 8-10 Minuten lässt der überhitze Dampf das Wasser mehrere Meter hoch hinaufschießen. Da es schon spät geworden ist, ist nicht mehr viel los. Wir stehen zwar neben lauter heißem Wasser, das man anschauen kann, aber der Abend ist kühl und so wollen wir alle bald zu einem Campingplatz und etwas Heißes essen. In der Hoffnung, dass wenigstens der nächste Campingplatz eine heiße Dusche bietet, radeln wir noch 8 km weiter auf der Strasse 37 bis nach Úthliđ. Leider ist dieser Platz noch bescheidener ausgestattet als der Campingplatz neben dem Geysir. Eine Wiese, eine Toilette und kaltes Wasser.

Der nächste Tag ist grau. Es gibt zwar nur einen kleinen Schauer, doch die Berge sind alle in Wolken gehüllt. Wir radeln auf der Strasse 37 nach Laugarvatn und ab dort auf der 365 und 361 in den Nationalpark ƥingvellir (UNESCO Weltkulturerbe). Nach dem Gullfoss und dem Geysir wird uns hier die Entwicklung im Vergleich zu unserer Tour vor 28 Jahren am Deutlichsten. Auf Grund der Besuchermassen gibt es nun große Parkplätze, Picknick Bänke, fest angelegte Bretterwege und in einer mit glasklarem Wasser gefüllten Erdspalte kann man unter Anleitung und natürlich gegen Eintritt schnorcheln. Damals sind wir noch völlig alleine auf einem kleinen Pfad durch diese grüne Gegend gegangen. Trotzdem ist die Umgebung beeindruckend. Wir bekommen einen schönen Eindruck von dieser Grabenbruchzone, vor allem auf dem Weg durch die Schlucht Almannagjá. Dass sich hier 900 Jahre lang die Bewohner zu einer Art ersten Parlament versammelt haben, kann man nur erahnen, denn es gibt keine wirklichen historischen Hinterlassenschaften.

Blick über den Pingvallavatn

Da wir an diesem Tag noch bis Reykjavik kommen müssen, schwingen wir uns bald wieder auf die Räder. Nach einem letzten kleinen Pass rollen wir auf der Strasse 36 der Hauptstadt Islands entgegen. Dank unseres GPS finden wir auch den Weg zum Campingplatz, der direkt in der Innenstadt liegt. Die großen Straßen lassen sich dabei umgehen und auf einigen Stücken nutzen wir einen Radweg, der leider nicht gut ausgeschildert ist. Der Campingplatz ist eine Zeltstadt. Wir schaffen es gerade noch vor dem Regen unser Zelt aufzubauen und versuchen dann einen Platz in dem viel zu kleinen überdachten Bereich der Küche zu finden. Dafür ist der Preis groß (fast 18 Euro/Person und Nacht, hier ist schon der 10% Discount für Radfahrer abgezogen). Ein teurer, überfüllter Stadtcampingplatz, aber wenigstens inklusiv warmer Dusche.
Wenig später hört der Regen wieder auf. Da es für den kommenden Tag noch schlechter angesagt ist, absolvieren wir noch am Abend eine kleine Stadtrundfahrt mit dem Rad: Hafen, Altstadt, die berühmte „Beton“-Kirche Hallgrímskirkja. An einem grauen und kalten Abend reicht uns das als Eindruck.

Der letzte Tag unserer Reise ist leider tatsächlich so wie in der Wettervorhersage. Regen und stürmischer Wind aus Südwesten. Gegen Mittag bauen wir das nasse Zelt ab und begeben uns auf den Weg. Bis wir aus der Stadt herauskommen, gibt es immer noch einmal Windschutz von Gebäuden (dafür gibt einige Hügel in der Stadt), aber dann trifft uns der Wind voll von schräg hinten. Auf der äußerst befahrenen Strasse 41, die zum Glück einen großen Seitenstreifen hat, werden wir vom Regen zum Flughafen gepeitscht. Zeitweise „hängen“ wir schräg auf dem Rad um den Wind auszugleichen. Als Gegenwind wäre es unfahrbar gewesen. Wir treffen sogar Radfahrer, die aufgegeben haben und zurückschieben. Trotz guter Regenausrüstung kommen wir durchnässt und ausgefroren am Flughafen Keflavik an und fühlen uns wie „gekärchert“. Als wir dann auch noch entdecken, dass das unter der „Bike Box“ versteckte Verpackungsmaterial (Seesäcke für die Taschen und Luftpolsterfolie für die Räder) verschwunden ist, sinkt die Stimmung endgültig. Von ankommenden Radlern bekommen wir aber ausreichend Material, um die Räder wieder flugtauglich zu verpacken. Das Einchecken klappt damit auch problemlos. Da es draußen weiter stürmt und regnet, wird uns der Abschied von Island sogar leicht gemacht, denn in Deutschland wartet sommerliches Wetter auf uns.

Etappen
Stykkisholmur – Borgarnes -> 103 km, 600 Hm
Borgarnes – Schutzhütte F338 -> 62 km, 720 Hm
Schutzhütte F338 – Geysir -> 76 km, 800 Hm
Geysir – Reykjavik -> 95 km, 650 Hm
Reykjavik- Flughafen Keflavik -> 52 km, 450 Hm

Die Route durch den Westen (grün = Übernachtungen)

Kommentare sind geschlossen.