Estland

Die erste Nacht in Estland zelten wir nördlich von Narva direkt am Grenzfluss zu Russland. Später kommt sogar die Grenzpolizei vorbei, doch solange wir kein Feuer machen, ist es ok. Im weiteren Verlauf folgen wir meistens dem hier zum ersten Mal beschilderten Eurovelo 10 Radweg (EV10). Es geht entlang der Nordküste, oft am Rand einer Steilstufe ca. 50 m über dem Meer. Manchmal ist es auch eine Schotterpiste, die einsam durchs Hinterland führt. Wir genießen es endlich einmal bei fast keinem Verkehr unterwegs zu sein. An der Mündung des Flusses Purtse zelten wir direkt am Strand. Ein schöner Sandstrand lädt sogar zu einem kurzen Bad im kühlen Meer ein.

Nach ca. 12 km auf der Narva- Tallinn Straße #1 geht es auf einer wenig befahrenen Nebenstraße fast 10 km schnur-geradeaus bis Künda. Bald danach machen wir einen Abstecher an die Küste. Hier stehen die mächtigen Überreste der mittelalterlichen Deutschordensburg „Tolsburg“. Die Ruine steht auf einer kleinen Landzunge und ist umgeben von einer unverbauten Küstenlandschaft. Nach weiteren ca. 15 km, oft wieder steil über dem Meer, erreichen wir den Laheema Nationalpark. Der folgende Abschnitt, durch einsamste Kiefern-Wälder, über Forststraßen oder kleine Teerstraßen, ist für uns der landschaftliche Höhepunkt der gesamten Tour. Über den alten Fischerort Altja und Vösu geht es auf die Halbinsel Käsmu. Am Westufer finden wir ein einsames Plätzchen zum Zelten und bestaunen bei bestem Wetter den Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag folgen wir dem EV10 bis zum Fluss Jägala Jõgi. Direkt unter der Straßenbrücke gibt es eine Badestelle, um sich im moorigen Wasser abzufrischen. Nur 2 km weiter bestaunen wir den schönen Wasserfall Jägala Juga, der zwar mit 5 m nicht besonders hoch, aber in dieser flachen Landschaft etwas unerwartet ist. Über eine halbrunde, flache Felsplatte fällt das Wasser in ein Becken. Auch hier hätte man gut baden können. Nach 10 km auf kleinen Nebenstraßen kommen wir zu einem Industriegebiet bei Maardu. Ab hier geht es über stark befahrene Straßen in ca. 15 km ins Stadtzentrum von Tallinn. Radwege gibt es fast keine, nur viele LKWs. Wir haben uns dieses Mal für ein relativ zentral gelegenes Hostel entschieden (Hostel 31: Für den Preis ok, einfach, aber sauber. Nur Ohrstöpsel sollte man dabei haben!).

Dann gibt es einen Tag Sightseeing in Tallinn. Die Altstadt ist hergerichtet wie ein Freilichtmuseum mit vielen Gebäuden aus dem Mittelalter. Die Ober- und Unterstadt sind über einen kleinen Hügel angelegt, umgeben von einer teilweise noch erhaltenen Stadtmauer. Das zieht natürlich viele Touristen an. Wenn dann noch Kreuzfahrtschiffe angelegt haben, wird es fast ein bisschen zu viel Tourismus. Trotzdem tut es gut, nach weiteren gut 500 km auf dem Rad einen Tag zu Fuss zu verbringen.

Die Altstadt von Tallinn

Linnahall – eine „schöne“ Ruine

Die folgenden Radtage durch Estland, auf gerader Strecke nach Pärnu, beginnen mit Regen und kühlen Temperaturen. Über die Straßen #4 und #15 geht es aus Tallinn heraus. Trotz Sonntag ist viel Verkehr. Bei Tödva wechseln wir auf kleine Landstraßen. Das Wetter wird wieder besser, der Verkehr ist weg und es wird sehr ländlich. Nach Hageri folgen wir der Straße #20101. In der Nähe von Rapla schauen wir den Fallschirmspringern zu, dann geht es ein kurzes Stück über die #12 und weiter auf der #20148. Bevor die Straße in die #27 mündet, gibt es ein 10 km Geradeaus-Stück. Es gibt nur wenige Dörfer, immer wieder einsame Strecken entlang großen Wiesen und Feldern und durch Wälder. Wir sehen Störche und Kraniche, aber leider keinen Elch. Kurz vor Järvakandi finden wir an einem kleinen Badesee eine gute Zeltstelle. Der Ort ist über längere Strecken die einzige Einkaufsmöglichkeit.
Am nächsten Morgen können wir gerade noch zusammenpacken, bevor der angekündigte Dauerregen einsetzt. So verbringen wir 8 Stunden auf der gut geschützten Bühne des Kulturhauses, wo die Dachrinne auch unseren Wassernotstand löst. Außer einer Glasfabrik ist der Ort „sehr ruhig“. In einer kurzen Regenpause wagen wir am Nachmittag die Weiterfahrt: Über die #27 bis Kergu, dann auf der #19211 und der #19210. Teile der sehr einsamen Strecke sind nur Schotterpisten. Die Regenschauer und die tief-hängenden Wolken erzeugen eine fast mystische Stimmung. In der beginnenden Dämmerung sichten wir dann sogar auf einer Lichtung in ca. 100 m Entfernung einen einzelnen Wolf. Das belohnt für den immer stärker werdenden Regen. Kurz nachdem wir auf die Schnellstraße 4 treffen, erreichen wir triefend nass den Campingplatz am Sauga Jögi Fluss, ca. 6 km nördlich von Pärnu.
Unsere Hoffnungen auf eine trockene Hütte sind allerdings schnell verflogen, denn der Platz ist voller Radler, bzw. „Bike-Messenger“, die hier auf ihrem Weg zur Weltmeisterschaft in Riga einen Zwischenstopp eingelegt haben. Die bunte Truppe lädt uns gleich zum Essen ein, immerhin sind wir, wie sie, den Tag im Regen gefahren. Erst spät bauen wir das Zelt auf. Der Regen hat aufgehört.

Und am Morgen scheint die Sonne wieder, zumindest zeitweise. Das beschauliche Pärnu mit seinem großen Sandstrand durchfahren wir nur. Nach einem schönen Radweg an der schilfigen Küste entlang folgen wir für 25 km der Schnellstraße #4. Aber es gibt auch hier einen guten Seitenstreifen, der den starken LKW Verkehr erträglich macht. Ab dem Fluss Rannametsu Jögi können wir auf eine kleine, an der Küste entlang laufende Straße wechseln. Wir beenden den Tag bei Kabli. Hier gibt es ein Schutzgebiet mit einem Vogelbeobachtungsturm und einen kleinen Forschungsstützpunkt. Da der Westwind inzwischen Sturmstärke angenommenen hat, sind wir froh, für die letzte Übernachtung in Estland einen etwas geschützten Zeltplatz gefunden zu haben.

Marschland südlich von Pärnu

 

Resümee Estland

Radwege gibt es nur durch die Orte, Schnellstraßen haben gute Seitenstreifen, Nebenstraßen oft Schotter, aber gut zu fahren. Auto- und LKW Fahrer fahren recht rücksichtsvoll und weichen aus. Eurovelo 10 ist immer wieder ausgeschildert. Wildzelten ist problemlos.

 

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